Veränderungen in der Arbeitswelt brauchen ihre Zeit
Balance-Akt

Der Wahn der New Economy ist vorüber. Doch noch immer opfern viele Angestellte ihr Privatleben für den Job.

DÜSSELDORF. Arbeit, Tag und Nacht. Der Termin nahte unerbittlich: Über vier Wochen waren wir täglich 24 Stunden im Büro. Wir schliefen auf dem Fußboden, wenn wir überhaupt zum Schlafen kamen", erzählt Marketing-Manager Seth Godin. Die Zeit vor der Produkt-Neueinführung war hart: "Das Büro verließen wir nur, um zu duschen. Und das kam selten vor."

Godin musste einen hohen Preis für seine Arbeits-Eskapaden zahlen: Seine Beziehung kriselte und die Gesundheit war ruiniert: "Ich war sechs Monate krank, als der Stress vorbei war."

Das Büro fordert seinen Tribut. Nicht immer geht es so krass zu wie bei Godin, aber bei vielen Managern verkümmert Privatleben zu einer Restgröße. Workaholismus ist so allgegenwärtig, dass IBM der Dauerarbeit Kultstatus verleiht: "Arbeiten von 9 bis 17 Uhr? Völlig out. Heutzutage werden Präsentationen zwischen dem Windelnwechseln erstellt, und Sandwichs während des Online-Shoppings verspeist", verkündet der Werbetext einer Anzeige für ein neues Notebook.

Untersuchungen bestätigen den Trend zur Vielarbeit, Tenor: Beim Thema Work-Life ist von einer Balance keineswegs die Rede. 60 Prozent der Bundesbürger haben das Gefühl wegen hoher Arbeitsbelastung ihre Partner, Familien und Freunde zu vernachlässigen. Alarmierend ist der Befund bei den 30- bis 39-Jährigen: Hier klagen sogar 80 Prozent über die Unbalance, ermittelte das Umfrage-Institut Forsa.

Der 24/7-Arbeitsstil ist heute weit verbreitet: "Für den Chef und für die Kunden ist man immer erreichbar, 24 Stunden, 7 Tage in der Woche", beschreibt Prof. Lothar Seiwert, Zeitmanagement-Experte beim Seiwert-Institut, Heidelberg, das Verhalten. "Wenn drei Manager sich in einer Kneipe treffen, liegen drei Mobiltelefone auf dem Tisch. Immer eingeschaltet."

Auch das Ende des New Economy-Booms hat da wenig verändert. Zwar sind die meisten Internetfirmen inzwischen Pleite. Deren Mitarbeiter treffen nun aber auch in der Old Economy auf zehn- bis zwölfstündige Arbeitstage. "In vielen Management-Positionen herrscht ein übermenschlicher Wettbewerbsdruck", so die Diagnose von Dr. Bernd Brogsitter, Karriereberater in Bad Bodendorf bei Bonn.

Die Evidenz der Zahlen bestätigt das: Die Summe aller Überstunden stieg in Deutschland im letzten Jahr von 1,78 auf 1,85 Millionen, ermittelte die Bundesanstalt für Arbeit (BA), Nürnberg. Pro Berufstätigem ergibt sich daraus rechnerisch reichlich eine Woche Mehrarbeit pro Jahr, und Management-Ränge dürften diesen Wert noch überbieten: Bei Führungskräften gehört es zum unausgesprochenen Konsens, deutlich mehr als 40 Stunden zu arbeiten - erfasst wird diese Mehrleistung von der BA nicht.

Es geht also weiter mit der Imbalance: Die gerade zu Ende gehende Ferienzeit erlebte ein neues Hoch des Laptop-am-Strand-Syndroms. 50 Prozent der Gäste, so eine Umfrage der Hilton Hotels, kommen mit Mobiltelefon, Notebook oder Palmtop in die Ferien. Zimmermädchen haben sich längst daran gewöhnt, dass urlaubende Manager ihre Bleibe gleich nach der Ankunft zum Büro machen: Zwischen sechs und neun Uhr, wenn die Familie schläft, wird telefoniert, gefaxt und gemailt.

Aber es regt sich Widerstand: Mancher Manager mag es nicht mehr dulden, dass Arbeit die gesamte Lebenszeit vereinnahmt, dass die Familie hinter dem Job zurückstecken muss, und die Ehe zu Bruch geht, weil Verheiratete sich nur sehen, wenn sie dafür einen Termin vereinbart haben. "Sich nicht mehr unbegrenzt abschuften, diese Einstellung gewinnt langsam Anhänger", sagt Lothar Seiwert. "Wir stehen am Beginn eines Wertewandels": Familie, Freizeit, Freunde schätzen jüngere Manager ebenso sehr wie die Erfüllung im Beruf. Das Ziel dieser Menschen sei, so Karriereberater Brogsitter, ein stimmiges Verhältnis zwischen den Lebenssphären zu erreichen. Selbstausbeutung ist nicht mehr angesagt.

Studien bestätigen das: 47 Prozent der Manager würden auf Gehalt verzichten, wenn sie dafür mehr private Zeit bekämen, so eine Untersuchung von Ceridian, einem britisch-amerikanischen Personaldienstleister mit Sitz in London. Und je jünger die Befragten, desto größer ist der Wunsch nach weniger Arbeitslast: Von den Twentysomethings, den 20- bis 29-Jährigen, sind 70 Prozent bereit, auf Einkommen zu verzichten, wenn dafür mehr Zeit für die Familie machbar ist, fand die Harvard-Universität in einer Befragung heraus. "Es hat keinen Sinn, nur noch durch die Welt zu hetzen wie bekloppt, nur noch zu arbeiten, nicht zu genießen, nicht inne zu halten", beschreibt Sabine Asgodom, Trainerin in München, die Haltung der nachwachsenden Manager-Generation.

Dennoch: Die Arbeitswelt wird sich nicht von heute auf morgen verändern. Wer die Work-Life-Relation ausbalancieren will, muss etwas tun. Vorgesetzte sind gefordert: "Ausbalanciertes Job-Leben braucht die richtige Strategie", mahnt Karriere-Berater Brogsitter, "der Pizza-Bringdienst mitten in der Nacht, vom Chef bezahlt, ersetzt verlorene Freizeit nicht." Chefs und Mitarbeiter müssen gemeinsam lernen, Ziele zu setzen, Wichtiges von Unwichtigem und scheinbar Dringendem zu trennen, und Zeitfresser zu eliminieren.

Außerdem muss die in vielen Büros hartnäckig praktizierte Regel "Anwesenheit ist Leistung" durchbrochen werden. Pioniere zeigen wie es geht: Hewlett-Packard lässt seinen Mitarbeitern viele Freiräume, Arbeitszeit eigenverantwortlich zu gestalten. Die Deutsche Bank hat ein freizügiges Sabbatical-Modell eingeführt, das den Vielarbeitern Auszeiten ermöglicht. Wie sehr ein gelockertes Arbeitszeitregime die linke Seite der Work-Life-Gleichung entlasten kann, zeigen Beispiele aus den USA: Fehlzeiten gingen um 30 Prozent und mehr zurück, als Xerox und Johnson & Johnson selbst verwaltete Arbeitszeit eingeführt haben.

Zudem könnte der Abschied vom Unentbehrlichkeitswahn Managern helfen, sich vom Work-Life-Stress abzukoppeln: Die Firma läuft weiter, auch wenn sich die Führungskraft Urlaub gönnt. Mobiltelefon und Laptop müssen nicht mit an den Strand.

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