Verbände entschädigen bestreikte Betriebe
Arbeitgeber bangen um ihre Solidarität

Die Arbeitgeberfunktionäre reagieren kühl auf den Streik der IG Metall: Sie wollen sich nicht zu einem höheren Lohn-Angebot zwingen lassen. Zugleich wissen sie aber um die Gefahr einer internen Zerreißprobe. Streik-Hilfen für Mitgliedsbetriebe sollen den Zusammenhalt in den Reihen der Arbeitgeberverbände stärken.

huh/dc/brb BERLIN/DÜSSELDORF/STUTTGART. Die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie werden den Zusammenhalt ihrer Mitgliedsfirmen im laufenden Arbeitskampf auch mit finanziellen Hilfen sichern. Vom Streik direkt betroffene Unternehmen erhalten eine Ausgleichszahlung vom Verband. Die dazu notwendigen Beschlüsse seien bereits getroffen, sagte der Präsident des Dachverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, dem Handelsblatt.

Die Unterstützung soll den Betrieben unabhängig davon gewährt werden, ob sie auf den Streik mit dem Gegeninstrument der Aussperrung reagieren. Die Höhe der Zahlung bemesse sich nach der Lohn- und Gehaltssumme jener Arbeitnehmer, die streikbedingt nicht arbeiten, erläuterte Hubertus Engemann, Sprecher des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, dessen Region im Zentrum des Konflikts steht.

Die "Solidarität" der Mitgliedsunternehmen ist für die Arbeitgeberverbände von großer Bedeutung, da ihnen im Arbeitskampf mit der Gewerkschaft regelmäßig eine Zerreißprobe droht: Im Wunsch nach einem raschen Ende der Streiks wächst erfahrungsgemäß die Neigung der Mitgliedsunternehmen mit einer guten Ertragslage, notfalls auch einen hohen Tarifabschluss zu akzeptieren.

Südwestmetall berichtete zwar von einer "sehr großen Geschlossenheit in unseren Reihen". Wie lange die Arbeitgeber den Streik durchhalten würden, wollte Gesamtmetall-Chef Kannegiesser allerdings nicht sagen. Er ließ erkennen, dass ein längerer Arbeitskampf den Zusammenhalt im Arbeitgeberlager schwächen könnte. Die Nervosität nehme zu. "Noch ist die Geschlossenheit da, aber wenn die IG Metall überzieht, dann gibt es Risse, dann bricht sie irgendwann", sagte er.

Einige Unternehmen würden dann Druck auf Gesamtmetall ausüben, sich mit der IG Metall zu einigen. Viele mittlere und kleinere Unternehmen dagegen würden mit ihren Belegschaften direkt eine Lohnvereinbarung treffen. "Je länger die Verbände nicht zu Rande kommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen sich selbst helfen", sagte Kannegiesser voraus.

Der Verbandspräsident kündigte erneut an, dass vom Streik betroffene Unternehmen zum Gegenmittel der Aussperrung greifen könnten, wenn sie dies wollten. Für eine offensive Konfliktstrategie gegenüber streikbereiten Arbeitnehmern wollen die Arbeitgeberverbände die Aussperrung aber nicht einsetzen. Kannegiesser machte keinen Hehl daraus, dass er sie als ein unzeitgemäßes Instrument ansieht. "Es passt nicht zu einer modernen Firmenkultur, wenn man vormittags Verantwortung partnerschaftlich an die Arbeitnehmer delegiert und nachmittags eben jene Arbeitnehmer vor die Tür setzt."

Das gleiche gelte allerdings auch für den Streik: "Morgens kämpfen die Mitarbeiter darum, ihren Betrieb über Wasser zu halten, und nachmittags gehen sie mit der Axt auf ihn los", verurteilte er den Arbeitskampf der IG Metall.

Die IG Metall will den Arbeitgebern keinen Anlass zu Aussperrungen geben. Sie beruft sich dabei auf ihre neue "Flexistreik-Taktik", mit der sie einzelne Unternehmen jeweils nur befristet bestreiken, insgesamt aber unberechenbar und notfalls über einen langen Zeitraum zuschlagen will. Falls es trotz dieser Taktik zu Aussperrungen komme, "dann einzig aus machtpolitischen Erwägungen der Arbeitgeber", sagte IG-Metall-Chef Klaus Zwickel vor dem Werkstor von Porsche. Die Südwest-Arbeitgeber hielten dagegen der Gewerkschaft eine "emotionale Lust am Streik" vor.

Scharfe Kritik übte Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser an dem Argument der IG Metall, die Bosse hätten gewaltige Einkommenszuwächs gehabt, jetzt seien endlich die Arbeitnehmer dran. Die große Masse der Unternehmer und Führungskräfte sei über diese Aussage empört, weil sie das bei sich selbst überhaupt nicht nachvollziehen könne. "Dass es da unverständliche Größenordnungen gibt, in einem gewissen Sinne auch Missbrauch, ist klar." Aber dies betreffe eine hauchdünne Führungsschicht, die von der IG Metall instrumentalisiert werde. "Das ist unter der Gürtellinie", sagte Kannegiesser. "Man muss sich nicht wundern, wenn viele Unternehmer immer mehr angewidert sind von dieser Art der kollektiven Lohnfindung, weil sie selbst kollektiv in Geiselhaft genommen werden".

Die Verantwortung für diese Gehälter liege im Übrigen auch bei der IG Metall. "Wer als Gewerkschafter im Aufsichtsrat mitbestimmter Unternehmen sitzt und über diese kritisierten Gehälter mitentscheidet, der soll vorsichtig sein, wenn er mit Steinen wirft."

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