Verbalattacken vor der Wahl
Italiens Linke sind stolze Deppen

Bei der Parlamentswahl in Italien polarisiert Ministerpräsident Berlusconi die Bürger wie noch nie. Dabei provoziert er besonders die Linke mit heftigen Unterstellungen und Beleidigungen. Die Gescholtenen selbst nehmen die Verbalattacken mit Humor.

PRETOLA. Es herrscht Volksfest-Stimmung vor der Grundschule im Zentrum von Pretola, keine zehn Kilometer entfernt von Perugia, der Hauptstadt der Region Umbrien. Die Menschen, die sich an diesem sonnigen Tag vor dem altrosa-farbenen Gebäude, dem Wahllokal der "Sezione 147" sammeln, wollen vor allem eins: einen Regierungswechsel in Rom.

"Ich hoffe, dass Berlusconi eine satte Niederlage einsteckt", sagt die Ärztin Maria Manfroni. -Rita Sie sitzt für die neu formierten Kommunisten der Rifondazione Comunista im Gemeinderat. Vittorio Polidori, ein Mann mit Sonnenbrille und Schnauzbart, knöpft stolz sein grünes Hemd auf. Darunter kommt ein weißes T-Shirt zum Vorschein mit roten Lettern: "Io sono un coglione" ("Ich bin ein Depp"). Er bezieht sich damit auf die Bemerkung Berlusconis, nur Deppen könnten links wählen. "Übrigens, die gekochten Kinder liegen da hinten", zeigt ein anderer in Richtung Dorfplatz am Ufer des Tibers. Er spielt auf Berlusconis Aussage an, die chinesischen Kommunisten hätten Kinder gekocht, um die Felder damit zu düngen.

Insgesamt 47 Millionen Italiener sind bis Montag um drei Uhr nachmittags zum Wählen aufgerufen. Sie müssen entscheiden, ob Silvio Berlusconis Forza Italia und seine Alliierten Alleanza Nazionale, Lega Nord und mehrere Kleinstparteien weiter regieren dürfen, oder ob sein Herausforderer Romano Prodi mit seiner Mitte-Links-Koalition in Zukunft die Geschicke des Landes führen darf.

In den letzten Umfragen vom 24. April lag Prodi im Durchschnitt mit einem Abstand von rund fünf Prozent vor Berlusconi. Seitdem sind keine Umfragen mehr erlaubt. Erste Prognosen will das staatliche Fernsehen kurz nach Schließung der Wahllokale im 15 Uhr bekannt geben. Wahlforscher wollen einen erneuten Sieg der Regierung oder ein Patt nicht völlig ausschließen. Schließlich hat Berlusconi alles daran gesetzt, die Stimmung noch zu drehen: In der letzten Woche vor der Wahl versprach er gleich zwei unbeliebte Steuern - auf das Eigenheim und auf die Müllentsorgung - abzuschaffen. Außerdem dehnte er am letzten offiziellen Tag der Wahlkampagne die strengen Regeln der "Par Condicio", die den gleichen Zugang zum Fernsehen garantieren soll, und trat mehr als eine halbe Stunde in seinem eigenen Fernsehsender Rete Quattro auf. Selbst am Samstag, als kein Wahlkampf mehr erlaubt war, überflutete seine Partei Millionen Handy-Besitzer mit SMS-Botschaften.

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