Verbitterung und Enttäuschung
Cry for us Argentina

Das Team des zweifachen Weltmeisters Argentinien scheidet zum ersten Mal seit 40 Jahren bereits in der Vorrunde aus und stürzt das krisengeschüttelte Land in tiefe Depression.

BUENOS AIRES. Dientag um halb neun Uhr morgens: Noch sind die Straßen leer, die Zeitungshändler dösen in ihren Straßenständen vor sich hin. Erst nach und nach kommen die Leute aus ihren Häusern, machen sich auf den Weg zur Arbeit. Alle sehen gleich aus an diesem Morgen, an dem Argentinien nach einem 1:1 gegen Schweden im letzten Gruppenspiel erstmals seit 40 Jahren schon in der Vorrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden ist: Übermüdete, verquollene Augen stieren verbiestert auf den Boden oder sind nach innen gerichtet. Dahin, wo einzelne Szenen der Live-Übertragung des letzten Gruppenspiels gegen Schweden immer wieder aufflimmern - und das, obwohl die Partie um halb drei in der Nacht lief.

Immer wieder sehen die Argentinier die vielen Torchancen aus der ersten Halbzeit vor ihrem inneren Auge. Oder den Stürmer Claudio Lopez, der sich verzweifelt die Mähne rauft, nachdem er wieder einmal knapp daneben geschossen hat. Dann den Freistoß des Schweden Anders Svensson, der in der 58. Minute aus mehr als 20 Metern Entfernung zum 1:0 in den Winkel traf und die forsche Angriffshaltung des argentinischen Teams mit einem Schuss zerstörte. Oder die Szene in der 87. Minute, als Ariel Ortega bei einem Foulelfmeter an Schwedens Torwart Magnus Hedmann scheiterte.

Zwar staubte Hernan Crespo zum 1:1-Ausgleich ab, doch für den Achtelfinaleinzug hätte Argentinien nach der 0:1-Niederlage gegen England letzte Woche einen Sieg gebraucht. "Ein Jammer, es war das beste Spiel der argentinischen Mannschaft in der Weltmeisterschaft, die Mannschaft hat alles gegeben", so Fernsehkommentator und Ex-Trainer Carlos Salvador Bilardo, mit dem die argentinische Elf 1986 Weltmeister geworden war. "Der Ball wollte und wollte nicht ins Tor. Es ist eine große Verbitterung. Wir haben das Beste gegeben", meinte auch Mittelstürmer Gabriel Batistuta, der in seiner Fußballkarriere zehn WM-Tore erzielte. Das Spiel gegen Schweden sollte sein letztes für die Nationalmannschaft sein: "Ich hätte mir ein anderes Finale gewünscht", so ein sichtlich zerstörter Batistuta.

Die Argentinier sind enttäuscht und verbittert. Nicht nur in der Weltwirtschaft gehören sie zu den Schlusslichtern, sondern jetzt auch noch im Fußball. In Buenos Aires warfen ein paar frustrierte Fans gestern Schaufensterscheiben ein. Als ein paar junge Leute aus Verzweiflung und Wut sogar eine argentinische Flagge verbrannten, setzte es Schläge patriotischer Anhänger. Bei Temperaturen unter null Grad beruhigte sich die Lage in der Hauptstadt aber schnell wieder. Anders in Cordoba, der zweitgrößten Stadt des Landes, wo enttäuschte und alkoholisierte Anhänger in der Innenstadt randalierten. Die Polizei nahm vorübergehend 57 Menschen fest.

Viele Argentinier sind wütend auf Trainer Marcelo Bielsa, der nach Meinung vieler Fans zu sehr den europäischen, athletischen Stil nachzuahmen versucht, statt auf die Stärken des lokalen Fußballs zu setzten. "Argentinien muss lernen, sich selbst treu zu werden. Wir wollen immer so sein wie die anderen, anstatt uns auf unsere eigenen Stärken zu verlassen", meint der Musiklehrer und Hobbyfußballer Alejandro Fidalgo, der sich müde und enttäuscht auf den Weg zum Unterricht macht. "Argentinien spielt erstklassigen Fußball, hat eine erstklassige Technik, wie auch Ortega bei diesem letzten Spiel wieder gezeigt hat: Das schnelle, technische Spiel mit dem Ball, das Dribbeln, das einst Maradona zur Vollkommenheit brachte."

Glaubt man den Fans, haben Bielsas Nationalspieler, die ihr Geld bis auf Ortega alle bei europäischen Profimannschaften verdienen, diese Kunstfertigkeit verloren. Die Zukunft des Trainers steht in den Sternen. Ende des Monats läuft sein Vertrag mit dem argentinischen Verband AFA aus. Schon im Vorfeld der WM hatte es Differenzen mit den AFA-Fürsten gegeben, die Bielsas Gehalt nicht in harten Dollar, sondern in argentinischen Peso auszahlen wollten. Gestern sagte Verbandspräsident Julio Grondona zur Trainerfrage nur: "So kurz nach dem Spiel ist es zu früh für solche Spekulationen." Noch regiert der Frust.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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