Verbot nicht machbar
Billigflaggen im Visier

Die "Prestige" lief unter der Flagge der Bahamas, so wie rund 8 Prozent aller Tanker weltweit. Die meisten Öltanker sind unter den Flaggen Panamas und Liberias registriert, die zusammen fast ein Drittel der Welt-Tonnage in ihren Schiffsregistern führen.

HB/dpa HAMBURG. "Schiffe unter Billigflagge sind eine erhebliche Gefahr für die Umwelt", sagt Kapitän Dieter Benze von der Gewerkschaft Verdi. "So lange es keine Bereitschaft gibt, das Billigflaggen-System abzuschaffen, wird es weiterhin vermeidbare Schiffskatastrophen geben."

Die billigen Flaggenstaaten bieten den Reedern erhebliche Vorteile. Sie sparen aber bei den Heuern für die Seeleute und unterliegen weniger strengen Vorschriften bei Schiffssicherheit und Umweltschutz als in ihren Heimatländern. Angesichts der weltweit scharfen Konkurrenz bleibt ihnen schon seit Jahrzehnten oft gar nichts anderes übrig, als in ein offenes Schiffsregister zu wechseln. So fahren von den rund 2 200 Schiffen der deutschen Handelsflotte weniger als 600 unter deutscher Flagge. "Anders geht es nicht, weil es gar nicht genug deutsche Kapitäne gibt", sagt Bernd Kröger vom Verband deutscher Reeder (VDR) in Hamburg.

Auch die Schiffe in offenen Registern unterliegen den weltweiten Umwelt- und Sicherheitsstandards der International Maritime Organisation (IMO), einer Unterorganisation der UNO. Ein Verbot für solche Schiffe, europäische Häfen anzulaufen, ist daher nicht machbar. "Schiffe sind nicht unsicher, weil sie eine bestimmte Flagge führen", sagt Kröger. So schneiden zum Beispiel Schiffe aus Liberia bei Kontrollen in europäischen Häfen nicht schlechter ab als solche aus Deutschland oder Skandinavien. Wenn Schiffe die festgelegten Standards nicht erfüllen, sollen die Inspektionen in den Häfen greifen. Bei Mängeln werden die Schiffe stillgelegt.

Was auf dem Papier geregelt ist, funktioniert jedoch nicht immer in der Praxis. "Die Kontrollen werden nicht in allen europäischen Ländern in gleicher Schärfe gehandhabt", sagt Uwe Jenisch aus dem Kieler Wirtschaftsministerium. Das werde erst mit einer bereits verabschiedeten EU-Richtlinie erreicht, die in 18 Monaten gültig wird. In Lettland ebenso wie in den anderen baltischen Staaten gebe es zudem noch gar keine Kontrollen - und von dort kam die "Prestige".

Dem erfahrenen Schifffahrtsexperten ist der Ruf nach strengeren Vorschriften und besseren Kontrollen nach jeder Katastrophe auf den Meeren gut vertraut. "Das Risiko fährt immer mit. Absolute Sicherheit auf See gibt es nicht und das größte Risiko ist der Mensch", sagt der verantwortliche Referatsleiter für Schifffahrt und Häfen. Schon heute könne kein Kapitän alle Vorschriften kennen, die er beachten müsse, und durch mehr Gesetze werde nicht mehr Sicherheit produziert. "Das gelingt nur durch mehr Ausbildung und bessere Qualifikation der Besatzung."

Tatsächlich sinken Öltanker unter Billigflagge nach einer Studie der Universität Witten/Herdecke nicht häufiger als andere Schiffe. Bis 1979 lasse sich noch eine vierfach höhere Unfallhäufigkeit der Tanker aus den billigen Flaggenländern nachweisen, fanden die Ökonomen Frank Tolsdorf und Dirk Losen heraus. Seitdem hätten die Billigtanker in punkto Sicherheit aber deutlich aufgeholt und die Unterschiede sind fast verschwunden. Statistisch gehen 2 von 1000 Tankern unter normaler Flagge unter, bei Billigflaggen sind es 2,5 bis 3. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Reeder wegen des höheren Ölpreises stärker in die Sicherheit ihrer Tanker investiert hätten: Der Rohstoff wurde so teuer, dass kein Reeder mehr leichtfertig den Verlust seiner Ladung riskieren wollte.

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