Verbot von Gewaltspielen nützt nichts
Üble Computerspiele aus China

Jürgen Doetz schoss scharf. Mit "solchen Verbrechern" wolle er nicht an einen Tisch, prangerte der Präsident des Verbandes Privater Rundfunk die Produzenten von Videospielen an.
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DÜSSELDORF. Und Bayerns Innenminister Günther Beckstein brandmarkte Ballerspiele gar als "ursächlich für die Explosion von Gewalt".

Medienfunktionäre und Politiker haben nach dem Amoklauf von Erfurt schnell die Schuldigen ausgemacht: die Hersteller von Computerspielen. "Jetzt wird die Branche auf unterstem Stammtischniveau verteufelt", klagt Benedikt Schüler, Marketingdirektor des Softwarekonzerns Ubi Soft. Hermann Achilles, Geschäftsführer des Verbandes der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD), spricht von einer "Imagekrise".

Ego-Shooter in der Kritik

Den Spieleverlagen wird zum Verhängnis, dass der Erfurter Todesschütze Robert Steinhäuser wahnsinnig gern die Killerorgie "Counter Strike" spielte. Dieses Computerprogramm zählt zu den so genannten Ego-Shootern: In virtuellen Welten schlüpfen Spieler in die Rolle von Einzelkämpfern und schießen auf alles, was sich bewegt: auch auf Menschen.

Nun wollen Politiker gewaltverherrlichende Computerspiele verbieten - aber werfen im emotionalen Eifer Ballerspiele, Kriegsabenteuer und Kampfsportsimulationen in einen Topf. Der Branche droht durch Boykottaufrufe und mögliche Verbote ein Desaster - schließlich ist Deutschland mit einem Umsatz von 1,527 Milliarden Euro im vergangenen Jahr nach England der zweitwichtigste europäische Markt für Spiele. Mehr Geld machen Spielefirmen nur noch in den USAund Japan. Weltweit setzt die Industrie mit Unterhaltungssoftware pro Jahr rund 19,7 Milliarden Euro um.

Kampfspiele sind alles andere als ein Nischenangebot

Spiele mit Gewaltdarstellungen sind keineswegs Nischenangebote für Spinner und Halbstarke. Im Gegenteil: Alle großen Produzenten wie Weltmarktführer Electronic Arts und die französischen Riesen Ubi Soft und Infogrames haben solche Software im Programm. Die besonders brutalen Ego-Shooter bringen es zwar nur auf einen Anteil von sechs Prozent am Umsatz. Rechnet man aber Kriegs- oder Kampfsportsimulationen hinzu, machen die Sofwarehäuser ein Fünftel ihres Geschäfts mit Gewaltspielen. Weil entsetzte Erwachsene nach Erfurt die Finger von Computerspielen lassen, kalkulieren Verbandsvertreter jetzt aber mit 10 bis 15 Prozent Umsatzeinbruch.

Die Vertrauenskrise trifft die Spielehersteller zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Der deutsche Markt für Unterhaltungssoftware schrumpft wegen der Konsumflaute ohnehin: im vergangenen Jahr gleich um 5,6 Prozent. Gleichzeitig steigen die Entwicklungskosten sprunghaft an - auf bis zu drei Millionen Euro pro Spiel.

Leid tragende sind kleine Softwarehäuser, deren Geschäftserfolg oft von einem einzigen Spieletitel abhängt. Beim wichtigsten deutschen Spielehaus CDV aus Karlsruhe mit 26,2 Millionen Euro Jahresumsatz ist dieser Hoffnungsträger ausgerechnet eine Kriegssimulation: "Sudden Strike II". Vom ersten Teil des Weltkriegsabenteuers verkaufte CDV weltweit 600000 Exemplare, davon ein Drittel in Deutschland. Der Erfolg des zweiten Teils, der Ende Mai erscheint, ist nach dem Amoklauf gefährdet.

Spielehersteller fürchten Rückzug der Händler

Neben der Konsumverweigerung erschütterter Computerspieler fürchten die Spielehersteller, dass die Handelskonzerne auf Druck der Politik Computerspiele mit Gewaltdarstellungen aus den Auslagen der Kaufhäuser verbannen könnten. "Wenn es weiter gehende Regelungen gibt, verschließen wir uns nicht. Wir sind nicht die Verteidiger von Ballerspielen", sagt Karstadt-Sprecher Elmar Kratz.

Ein solcher Schritt wäre für die Spieleindustrie desaströs und für die aufgewühlte Öffentlichkeit bestenfalls Baldrian. Denn die Verbreitung gewalttätiger Spiele lässt sich durch Verbote kaum verhindern. "Wenn wir Computerspiele verbieten, berauben wir uns jeder Möglichkeit zur Einwirkung auf die Hersteller und öffnen dem illegalen Markt Tür und Tor", warnt VUD-Chef Achilles. Tatsächlich lässt Deutschland sich nicht abschotten: Viele Spiele sickern bereits über Internettauschbörsen nach Deutschland ein - oder werden auf Schulhöfen getauscht. Produktmanager Eric Standop von CDV: "Selbst wenn manche Spiele verboten werden, ändert das nichts. Dann bekommen wir viel schlimmere Ego-Shooter aus China."

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