Verbraucherschützer wittern verdeckte Teuerungen
Händler ringen um die richtigen Euro-Preise

Wenn der Euro zum ersten Mal in den Kassen klingelt, wird der deutsche Einzelhandel acht bis zehn Milliarden Mark in die Umstellung investiert haben. Verbraucherschützer fürchten, dass sich dies in den Preisen niederschlagen wird. Kommt der Euro Händler und Kunden teuer zu stehen?

22.03.2001 DÜSSELDORF. Geschäftsleute sind misstrauische Menschen. Verbraucher auch. So fragen sich beide: Was kostet mich die Einführung des Euro? Im Sortiment der Karstadt AG und der Kaufhof Warenhaus AG zumindest ist manch ein Artikel schon jetzt nach der Umrechnung des DM-Preises in Euro inzwischen teurer geworden. Nutzen Deutschlands Einzelhändler die Einführung der neuen Währung also zu verdeckten Preiserhöhungen?

"Nein", bekräftigt Elmar Kratz, Sprecher der Karstadt AG. Man kalkuliere in Euro, also geben man Teuerungen der Lieferanten und Produzenten weiter. Verbraucherschützer aber wittern Gefahr - schließlich kostet die Euro-Einführung den Handel insgesamt rund acht bis zehn Milliarden DM. Das schätzt der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). Weil die Kosten steuermindernd geltend gemacht werden können, trägt der Steuerzahler rund die Hälfte davon. Darüber hinaus will Bundesfinanzminister Eichel dem Einzelhandel nicht unter die Arme greifen.

EU-Währungskommissar Pedro Solbes hat unlängst betont, die Einführung des Euro dürfe nicht zu Teuerungen im Handel führen, so wie das in Großbritannien vor 30 Jahren der Fall gewesen sei, als man dort zur Dezimalrechnung übergegangen sei. Euro-Experten halten derlei Ermahnungen für Lippenbekenntnisse. Weder die EU noch die Verbände hätten rechtliche Durchgriffsmöglichkeiten auf die Einzelhändler, sagt etwa Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale NRW. "Niemand kann den Anbietern die Preise reinknebeln." Die Selbstverpflichtung des Handels zur Transparenz, zur doppelten Preisauszeichnung, sei nie eine Verpflichtung zur Preisstabilität gewesen. Vor allem in den höherpreisigen Segmenten ließen sich verdeckte Preiserhöhungen platzieren, zum Beispiel bei Textilien und Elektronikgeräten, sagt Bieler. "Da kann man schnell ein, zwei Mark draufschlagen, ohne dass es groß auffällt."

Lebensmittelbranche droht Absatzeinbußen

Anders sieht es im sensiblen Lebensmittelgeschäft aus; auch die letzte Mehrwertsteueranhebung hat sich dort kaum niedergeschlagen. Nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) drohen der Lebensmittelbranche mit der Euro-Einführung Absatzeinbußen. Denn dort führen Schwellen- oder Eckpreise häufig zu Impulskäufen. Rund drei Viertel aller Käufe tätigen die Kunden im Niedrigpreisbereich zwischen 0,99 DM und 5,99 DM.

Laut GfK sind Eck- und Schwellenpreise ein "Motor der privaten Nachfrage". Werden gültige Signalpreise in Euro umgerechnet, entstehen jedoch unattraktive Angebote von 3,06 oder 1,53 Euro. Dies, warnt die GfK, könne zu Absatzrückgängen führen. Deshalb würden die Anbieter die Preise vermutlich eher ab- als aufrunden. Angesichts schmaler Margen von ein, anderthalb Prozent sowie dem harten Wettbewerb, wird die Lebensmittelbranche daran zu knabbern haben.

Berater empfehlen neue Packungsgrößen

Berater empfehlen Produzenten denn auch schon, mit veränderten Packungsgrößen in den Markt zu gehen. Fielen Angebote angesichts des Euro aus einer ansprechenden Preisoptik heraus, müsse man über neue Strategien nachdenken, um das Preis-Leistungs-Verhältnis signalträchtig aufrechtzuerhalten.

In den Jahrzehnten der D-Mark haben die Verbraucher eine Art Geldsprache erlernt. "Sie haben ein Gefühl dafür entwickelt, was eine Ware oder Dienstleistung wert, was preiswert, was teuer ist", stellt die GfK fest. Mit dem Euro kann der Konsument diesem Gefühl erstmal nicht mehr trauen.

Zwei Monate lang, nachdem das Euro-Bargeld in Umlauf gebracht ist, darf der Handel seinen Kunden mit Hilfe doppelter Preisauszeichnung Orientierung bieten; nach dem 1. März 2002 muss damit Schluss sein - sagt das Gesetz. Der HDE geht davon aus, dass sich Verteuerungen und Verbilligungen einzelner Waren im Rahmen der Euro-Rundung die Waage halten werden. Der harte Wettbewerb - zumal der Preiskampf mit Discountern und Fachmärkten - werde dafür Sorge tragen, vemutet Robert Weitz, Chefvolkswirt des HDE. Dabei sei es auch möglich, dass einzelne Händler die neue Währung für gezielte Werbekampagnen nutzten. Frei nach dem Motto: Wir haben abgerundet!

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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