Verdacht auf Insider-Handel
Comroad-Skandal weitet sich aus

Die Affäre um den unter Betrugsverdacht stehenden Telematik-Dienstleister ComROAD AG weitet sich aus. Nun geht es nicht nur um höchst kreative Bilanzkorrekturen, sondern auch um den Verdacht auf Insiderhandel. Untersucht werden nach Angaben des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel auffällige Comroad-Aktien-Verkäufe unmittelbar vor einer Börsenpflichtmitteilung der Firma am 20. Februar diesen Jahres.

vwd/ dpa/ Reuters München. Soweit Informationen der "Berliner Zeitung" (Donnerstagausgabe). In Zusammenhang mit einer Ad-hoc-Meldung des am Frankfurter Neuen Markt notierten Unternehmens hat das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) einen Voruntersuchung wegen möglichen Insiderhandels mit Aktien eingeleitet. Das bestätigte die Sprecherin der Behörde, Regina Nößner, dem Blatt.

Untersucht werden nach Angaben von Nößner auffällige Comroad-Aktien-Verkäufe unmittelbar vor einer Börsenpflichtmitteilung der Firma am 20. Februar diesen Jahres. Damals hatte die Firma bekannt gegeben, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ihr Mandat bei Comroad gekündigt hat. Es gebe in diesem Zusammenhang "Anhaltspunkte für Insidergeschäfte", sagte Nößner der "Berliner Zeitung". Ein "konkreter Verdacht" gegen einzelne Personen existiere jedoch nicht.

Sollte die Voruntersuchung des BAWe einen solchen Verdacht ergeben, werde die Behörde diese Informationen an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Einen Termin für den Abschluss der Voruntersuchung konnte die BAWe-Sprecherin nicht nennen. "Es kann sein, dass die Ad-hoc-Mitteilung vom heutigen Mittwoch noch in die Untersuchung mit einbezogen wird", sagte Nößner zur Erklärung. In einem solchen Fall werde es "noch etwas dauern", bis Ergebnisse der Voruntersuchung vorlägen, erklärte die Sprecherin. Am Mittwoch hatte ComROAD mitgeteilt, eine Sonderprüfung habe ergeben, dass für 98,6 Prozent der bisher für das Jahr 2001 gemeldeten Firmenumsätze von insgesamt 93,6 Millionen EUR keine Belege existierten.

Comroad AG schließt nach offenbar nur vorgetäuschten Geschäftsbeziehungen in Asien eine Insolvenz nicht mehr aus. Statt der veröffentlichten Umsätze von 93,6 Mio EUR hätten für das abgelaufene Geschäftsjahr nur 1,3 Mio EUR nachgewiesen werden können, heißt es in einem von Comroad am Mittwoch veröffentlichten Sonderprüfungsbericht der Wirtschaftsprüfer Rödl & Partner. Demnach sei unter anderem wegen der drohenden Insolvenz von einzelnen Beteiligungsgesellschaften mit einem "hohen Wertberichtungsbedarf" zu rechnen. Der Kurs der Comroad-Aktie brach daraufhin ein.

Nach Angaben der Wirtschaftsprüfer könnten sich darüber hinaus aus bestehenden Verträgen und eingegangenen Bürgschaften in Zukunft finanzielle Verpflichtungen für das am Neuen Markt notierte Unternehmen mit Sitz in Unterschleißheim bei München ergeben. Laut einem Unternehmenssprecher ist derzeit noch offen, welche Forderungen auf das Unternehmen zukommen werden und wie es um die Eigenkapitalausstattung von Comroad bestellt ist. Auch eine Insolvenz könne nicht ausgeschlossen werden. Nach den Worten des Sprechers verfügt Comroad über liquide Mittel von 26 Mio EUR.

Nachforschungen hätten laut Rödl & Partner ergeben, dass angebliche Vertragspartner teilweise gar nicht existieren. So habe Comroad 96,4 Prozent ihrer angegebenen Umsätze über die VT Electronics Ltd mit Sitz in Hongkong abgewickelt. "Nachweise dahingehend, dass tatsächlich Geschäfte mit dieser Firma ausgeführt wurden, und dass diese Gesellschaft zu irgendeinem Zeitpunkt existierte, konnten nicht erbracht werden", heißt es in dem Sonderprüfungsbericht. Es liege die Vermutung nahe, dass Scheinrechnungen erstellt und Eingangsrechnungen fingiert wurden. Diese wurden dann als Umsatz, Wareneinsatz bzw geleistete Anzahlungen im Jahresabschluss 2001 ausgewiesen.

Schon seit geraumer Zeit gibt es Spekulationen, dass von Comroad angeführte Geschäfte in Asien in Wahrheit nicht exisitieren und das Unternehmen geschönte Zahlen für 2001 vorgelegt hat. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende und Unternehmensgründer Bodo Schnabel - der die Vorwürfe immer zurückgewiesen hatte - befindet sich wegen des Tatverdachts auf Kursbetrug und Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Bei den Ermittlungen geht es nach früheren Angaben der Staatsanwaltschaft um 16 Verdachtsmomente, bei denen möglichweise nicht korrekte Umsatzzahlen für Comroad genannt wurden. Neben einem Verkaufsprospekt zum Börsengang des Unternehmens handele es sich auch um einige ad hoc-Meldungen in den vergangenen Jahren.

Der Aufsichtsrat hat den Angaben zufolge zudem beschlossen, die Frau von Schnabel aus dem Aufsichtsrat abzuberufen. Die Ehepartner hätten als Mehrheitsaktionäre des Unternehmens zudem eine außerordentliche Hauptversammlung beantragt. Der Vorstand werde die Gesellschaft umgehend restrukturieren, um die Fortführung der Gesellschaft zu sichern, hieß es weiter. Eine Pressekonferenz wurde für die kommenden zwei Wochen in Aussicht gestellt. Der ComROAD-Aufsichtsrat hatte Mitte Februar Rödl & Partner mit einer Sonderprüfung beauftragt. Nach Einschätzung von Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) handelt es bei ComROAD um "einen der größten Betrugsfälle, den wir kennen". Dagegen müsse sowohl zivilrechtlich als auch strafrechtlich "mit aller Härte vorgegangen werden", forderte Bergdolt. Es sei verwunderlich, dass das Geschäftsgebahren von ComROAD nicht schon viel früher aufgefallen ist. In diesem Zusammenhang müsse man laut Bergdolt nach "den Pflichten der Prüfer fragen und auch danach, warum der Aufsichtsrat versagt hat".

"So etwas krasses habe ich noch nie erlebt", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) der Nachrichten-Agentur dpa in München. Comroad hatte die Umsatzangabe für das Jahr 2001 nach einer Sonderprüfung durch die Gesellschaft Rödl & Partner um rund 98 Prozent auf 1,4 Millionen Euro bestätigte Erlöse gesenkt. Ein Großteil des ursprünglichen Umsatzes war nach Recherchen der Wirtschaftsprüfer mit einer asiatischen Firma verbucht worden, die gar nicht existierte.

Nach der Aufdeckung massiver Unregelmäßigkeiten bei dem Telematikanbieter Comroad und einer möglichen Insolvenz des Unternehmens haben Aktionärsschützer Schadenersatz für die Aktionäre gefordert. "Es handelt sich hier wohl um den dreistesten Betrugsfall am Neuen Markt", sagte am Mittwoch Markus Straub, stellvertretender Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK).

Der Kurs der Aktie stürzte um zeitweise mehr als 36 Prozent auf 0,46 Euro ab. Eine Schadenersatzklage gegen den ehemaligen Vorstandschef Bodo Schnabel werde geprüft, kündigte Bergdolt an. Die Ergebnisse der Sonderprüfung sprächen dafür, dass das Management mit krimineller Energie gehandelt habe. Schnabel sitzt bereits seit Ende März in Untersuchungshaft.

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