Verdächtige Sendungen legen Briefzentralen der Post lahm – Union fordert schärfere Strafen für Trittbrettfahrer
Angst vor Milzbrand wächst

Unternehmen und Behörden verschärfen ihre Sicherheitsmaßnahmen gegen Bioangriffe. In Deutschland steigt die Zahl verdächtiger Postsendungen. Doch noch ist kein einziger Fall von Milzbrand bestätigt.

ms/lip/bac HAMBURG/DÜSSELDORF/WASHINGTON. Im Bundeskanzleramt in Berlin ist am Montag ein Brief mit verdächtigem weißen Pulver entdeckt worden. Eine Sprecherin des Kanzleramts bestätigte, dass mit Blick auf die Milzbrand-Fälle in den USA die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet wurden und das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert worden sei. Die Poststelle des Kanzleramtes sei versiegelt worden.

Der Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts mahnte zur Vorsicht mit verdächtigen, mit Pulver gefüllten Briefen. "Nicht berühren, nicht einatmen, nicht kosten", sagte Reinhard Kurth. Die Empfänger sollten schnellstmöglich die Polizei benachrichtigen.

US-Präsident Bush bestätigte am Montagabend, dass in einem Brief an den Chef der demokratischen Fraktion im US-Senat, Thomas Daschle, Milzbrand-Erreger gefunden worden sind. Einige Mitarbeiter Daschles würden auf die Krankheit untersucht. Daschle selbst sei nicht in Kontakt mit dem Brief gekommen.

Die US-Regierung will sich künftig stärker gegen Bioterror-Attacken wappnen. Nachdem bislang 13 Menschen mit Milzbranderregern in Berührung gekommen sind, will Gesundheitsminister Thompson den Kongress um ein Finanzpaket in Höhe von 1,5 Mrd. $ bitten, um Medizinvorräte anzulegen. Das US-Gesundheitsministerium geht bei den Milzbrand-Fällen von einem terroristischen Hintergrund aus.

In Europa hat sich bislang jeder Verdacht auf Milzbrand als Falschmeldung erwiesen. Die EU setzte einen Expertenstab für Atom-, Bio- und Chemiewaffen ein, der international rund um die Uhr konsultiert werden kann. Medienberichte, die Terrororganisation von bin Laden, El Kaida, habe auch versucht, Nuklearmaterial zu kaufen, konnten nicht belegt werden.

Zahlreiche Unternehmen aus Europa und den USA haben angekündigt, ihre Sicherheitsmaßnahmen gegen Bio-Angriffe auf dem Postweg verstärken zu wollen. Die Deutsche Post AG kündigte an, mehr Sendungen als bisher durchleuchten zu lassen. Mehrere Briefzentren der Deutschen Post AG blieben teilweise über Stunden geschlossen, weil verdächtige Briefe überprüft werden mussten. Analysten sehen wegen der Unterbrechung des Betriebsablaufs auf das börsennotierte ehemalige Staatsunternehmen erhebliche Belastungen für Umsatz und Ertrag zukommen.

In Sicherheitskreisen geht man davon aus, dass hinter den meisten Verdachtsfällen "Trittbrettfahrer" stecken. Aus der Union kamen am Montag daher Forderungen, die Strafen für Trittbrettfahrer zu verschärfen: "Die Ereignisse der letzten Tage beweisen offensichtlich, dass der bisherige Strafrahmen zur Abschreckung nicht ausreicht", sagte Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender und Innenexperte der Unionsfraktion, dem Handelsblatt. Nach geltendem Recht steht auf die "Vortäuschung einer Straftat" maximal drei Jahre Gefängnis.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%