Archiv
Verderbliche Ware

Ohne Halbleiter läuft heutzutage nichts mehr. Dennoch steckt die Branche mitten in einer Rezession. Die Aktienkurse der großen Hersteller stehen unter Druck. Das bietet Einstiegsmöglichkeiten, denn der nächste Aufschwung kommt bestimmt.

Der Name Schumacher besitzt hier zu Lande einen gewissen Klang und auch für Infineon-Chef Ulrich Schumacher ist die Namensverwandtschaft zu den beiden Formel-1-Gasfüßen Programm und Verpflichtung zugleich. Als er mit seinem Unternehmen Mitte März vergangenen Jahres an die Börse ging, drehte er mit einem Porsche ein paar rasante Runden durch New York, ehe er an der Wall Street vorfuhr.

Den publikumswirksamen Auftritt wird Schumacher nachträglich wahrscheinlich bedauern, denn nach dem stürmischen Vorjahr legt der einst als Börsenstar gefeierte Halbleiterhersteller derzeit eine Vollbremsung hin. Im laufenden Quartal drohen herbe Umsatzeinbrüche und rote Zahlen - und der Kurs markiert ein historisches Tief nach dem nächsten.

Dabei sind die Probleme der Siemens-Tochter in weiten Teilen noch nicht einmal hausgemacht. Die allgemeine Nachfrage nach Chips ist praktisch zum Erliegen gekommen - und das, obwohl die winzig kleinen Elektrogehirne in mittlerweile fast jedem technischen Produkt zu finden sind. Nach Schätzungen von Experten dürfte der Markt für Halbleiter in diesem Jahr um bis zu 20 Prozent einbrechen - nachdem er im vergangenenen Jahr noch um 37 Prozent gewachsen ist. Folglich haben nicht nur Infineon, sondern auch anderen Branchengrößen wie Intel, ASM Lithography oder AMD in den vergangenen Wochen Gewinnwarnungen herausgegeben.

Halbleiteraktien sind alles andere als Witwen- und Waisenpapiere, denn obwohl die Gesamtnachfrage ständig steigt, ist das Geschäft zyklisch. Auf Boomphasen mit hohen Gewinnen folgen regelmäßig Rezessionen, in denen die Hersteller Verluste erwirtschaften.

Doch die derzeitige Talsohle könnte bald durchschritten sein. Nach Meinung der BHF-Bank tritt der Zyklus in diesen Monaten in die "Horrorphase" ein, in der die Wachstumsraten ihre tiefsten Stände erreichen - die europäischen Werte hinken jedoch im Konjunktur- und Revisionszyklus hinterher, glaubt Kai Franke, Anlagestratege der BHF-Bank: "Infineon wurde nach der Gewinnwarnung deshalb so stark abgestraft, weil Anleger mit weiteren schlechten Nachrichten rechnen."

Generell rechnet Karsten Iltgen, Analyst bei WestLB Panmure, mit einer Stabilisierung auf niedrigem Niveau. "Das laufende Jahr und erste Halbjahr 2002 werden weiter schwach verlaufen", prognostiziert der Halbleiterexperte. "Aber danach gehen wir von einem gesunden Aufschwung aus. Der Aktienmarkt wird natürlich entsprechend früher reagieren."

Chipproduzent ist dabei allerdings nicht gleich Chipproduzent. Die breiten Anwendungsmöglichkeiten haben zu einer Aufsplittung des Marktes und einer zunehmenden Spezialisierung einzelner Anbieter geführt. Nur die großen Produzenten wie zum Beispiel Infineon sind noch in mehreren Bereichen vertreten.

Eines der Standbeine für den Sektor ist beispielsweise der PC-Markt - gleichzeitig Domäne von Branchenprimus Intel. Dort sorgen neue Anwendungsmöglichkeiten und Software wie zum Beispiel das Betriebssystem Windows XP von Microsoft dafür, dass die Anwender immer leistungsfähigere Prozessoren und größere Speicherkapazitäten benötigen. Doch selbst Intel versucht, ein weiteres Standbein im Bereich Kommunikation aufzubauen. "Dabei darf man nicht vergessen, dass das Unternehmen über enorme Ressourcen verfügt", führt Iltgen einen Pluspunkt an.

Vor allem Mobiltelefone haben sich in den vergangenen Jahren als Wachstumsmotor für die Chipindustrie betätigt. Derzeit herrscht Flaute auf dem Handymarkt, doch mit GPRS und UMTS stehen neue Standards vor der Türe, die auch neue Chips erfordern. Davon könnten vor allem Werte wie Dialog profitieren, die sich auf das so genannte Design von Halbleitern - quasi die Entwicklung -- spezialisiert haben.

Weniger starken Konjunkturschwankungen sind Unternehmen unterworfen, die sich auf Automobilproduzenten konzentrieren - wie etwa die am Neuen Markt gelistete Elmos AG. Intelligente Technik ersetzt im Auto immer öfter Mechanik und übernimmt Kontrollfunktionen - zum Beispiel für ABS oder Klimaanlage. Dieser Bereich wächst mit durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr. "Das ist in diesem Jahr exzellent, aber in Boomphasen eher wenig", so der WestLB-Analyst.

Eine Alternative zu lupenreinen Chipaktien sind dagegen zum Beispiel Hersteller, die so genannte Embedded Boards entwickeln. Diese miniaturisierten Systeme werden zur Steuerung von Anlagen eingesetzt. Embedded Boards überwachen beispielsweise medizinische Geräte oder sie ermöglichen die Wartung einer Maschine via Internet, ohne dass in jedem Fall der Techniker anreisen muss. "Wir erwarten, dass dieser Markt mit durchschnittlich 50 Prozent pro Jahr wachsen wird", sagt Ralf Muthmann von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Als Favorit gilt dabei für ihn Jumptec. Bei den Deggendorfern ist der Analyst zuversichtlich, dass sie ihr Wachstum halten werden. "Im Gegensatz zum Wettbewerber Kontron gibt es keine ausgeprägte Abhängigkeit von der Telekommunikationsbranche, und uns überzeugt die Strategie des Managements, sich auf das Basisprodukt festzulegen und nur kleinere Akquisitionen zu tätigen, die die eigene Produktpalette abrunden."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%