Verdi demonstriert
Am Spieltisch droht ein Arbeitskampf

Die Krise macht auch vor den Casinos nicht halt: Croupiers fürchten um ihre Jobs und fordern sicheres Gehalt.

BERLIN. So lange sich Horst Jaguttis erinnern kann galt die Regel, dass es den Spielbanken umso besser geht, je schlechter die Konjunktur läuft. Doch diesmal ist die Krise so ernst, dass nicht einmal diese Regel mehr gilt. Und deshalb steht Jaguttis, seit 30 Jahren leidenschaftlicher Croupier, mit einem Plakat vor dem Eingang des Casino Berlin im 37. Stock des "Park Inn" am Alexanderplatz und demonstriert. "Vernünftiges Gehalt statt Almosen" und "Casino statt Daddelhalle" steht auf den Transparenten, die der 51-Jährige und seine Kollegen den Besuchern der Spielbank entgegenhalten.

"Wir wollen auf unsere Sorgen um Lohn und Arbeitsplatz aufmerksam machen", sagt Jaguttis, Leiter des Arbeitskreises Spielbanken der Gewerkschaft Verdi, und drückt vorbei eilenden Gästen ein Flugblatt in die Hand. Keine fünf Minuten geht das gut, dann ist der Wachdienst des Hotels zu Stelle: Die Demonstranten aus der Glücksspielwelt ereilt ein Hausverbot.

Geht es nach Uwe Harberts, Betriebsratschef des "Casino Berlin" und ebenfalls mit Transparent vor Ort, muss dessen Betreiberin Westspiel, eine Tochter der West LB, vielleicht bald mit noch größeren Unannehmlichkeiten rechnen: der Urabstimmung über einen Arbeitskampf. Andernorts, etwa in Bayern, wurde schon zwei Wochen lang gestreikt. "Die Gehälter der Kollegen liegen inzwischen teilweise auf Sozialhilfeniveau", beklagt Croupier Harberts.

Sinkende Besucherzahlen und weniger Spieleinnahmen - die Krise macht auch vor den Casinos nicht halt. Ihrem Ruf, eine Goldgrube zu sein, werden sie allenfalls noch für den Staatssäckel gerecht. Den Betreibern aber und mehr noch den Mitarbeitern steht das Wasser bis zum Hals. Mehrere Spielbanken sind von der Schließung oder der Umwandlung in reine Automaten-Casinos bedroht, in Bremen soll ein Drittel der Mitarbeiter entlassen werden.

Doch es geht nicht nur die Angst um den Arbeitsplatz um. Croupiers und Kollegen wird die Tradition zur Verhängnis, dass sie aus Trinkgeldern bezahlt werden. Wer beim Roulette oder Kartenspiel gewinnt, wirft einen Anteil in den "Tronc", eine Sammelbüchse am Kopf des Spieltisches. Wie viel, dafür gibt es nur Gewohnheitsregeln. "Man merkt, dass das Geld nicht mehr so locker sitzt", beobachtet Croupier Harberts. Zwar garantiere der Arbeitgeber ein Mindestgehalt. Doch das sei extrem niedrig angesetzt, da niemand sich vorstellen konnte, dass die Einnahmen aus dem Tronc jemals so einbrechen würden wie zurzeit. Ein junger Croupier im Casino Berlin komme deshalb gerade mal auf 1 000 Euro brutto monatlich, rechnet Harberts vor.

In den 80er Jahren, als es deutschlandweit nur 15 Spielbanken gab, war ein Roulettetisch eine Lizenz zum Gelddrucken. Heute sind es 72 Casinos, die Konkurrenz ist entsprechend gewachsen. Die Branche erwirtschaftet ein Bruttospielergebnis von rund einer Mrd. Euro, wovon sie 800 Mill. Euro als Spielbankenabgabe an die Länder abführt. Die Casino-Beschäftigten fordern neue Tarifverträge mit mehr Garantielohn und eine Senkung der Abgaben. Bei Letzterem hat Harberts indes wenig Hoffnung - das bankrotte Berlin kämpfe um jeden Euro.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%