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Verdi verändert auch das Kräfteverhältnis im DGB

Im Berliner Kongresszentrum war die Größe der neuen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Umrissen bereits zu erkennen: 1000 Delegierte versammelten sich am Montag, um zu verfolgen, wie die Vorsitzenden der fünf Einzelgewerkschaften ÖTV, HBV, Postgewerkschaft, IG Medien und DAG die Verschmelzungsurkunde unterzeichnen, um Verdi zu gründen.

rtr BERLIN. Zuvor war am Wochenende auf fünf Kongressen die Auflösung der Einzelgewerkschaften beschlossen worden. Mit Verdi wollen die Gewerkschaften ihre Durchsetzungsfähigkeit in Verhandlungen mit den Arbeitgebern erhöhen und zugleich mehr Einfluss auf die Politik gewinnen. Doch auch im Gewerkschaftslager entsteht mit Verdi ein neuer Machtfaktor: Die IG Metall kann künftig nicht mehr allein auf Grund ihrer Größe eine Führungsrolle in Anspruch nehmen.

Verdi waren bereits vor ihrer Gründung zahlreiche Attribute angeheftet worden. "Supergewerkschaft" wird sie wegen ihrer Mitgliederzahl von annähernd drei Millionen genannt. Damit ist sie auch die größte Gewerkschaft der Welt. Mit 2,7 Millionen Mitglieder ist die IG Metall nur wenig kleiner.

Bsirkse kratzt an Führungsrolle der IG-Metall

Der designierte Verdi-Vorsitzende, der bisherige ÖTV-Chef Frank Bsirkse, hat das Selbstbewusstsein der neuen Großgewerkschaft bereits demonstriert und an der Führungsrolle der Metaller gekratzt. Im Gegensatz zu IG-Metall-Chef Klaus Zwickel plädierte Bsirske für den Verbleib im Bündnis für Arbeit, um dort mit Arbeitgebern und Bundesregierung weiter nach Wegen zum Abbau der Arbeitslosigkeit zu suchen. Zwickel hatte zuvor mit dem Ausstieg aus dem Bündnis gedroht, falls dort die Lohnpolitik der nächsten Tarifrunde erörtert werden sollte. Mit Spannung wird daher erwartet, wie der IG-Metall-Chef auf diese Machtprobe reagiert.

In der Frankfurter IG-Metall-Zentrale reagierte man gelassen auf Bsirskes Äußerungen und verwies darauf, dass sich die neue Gewerkschaft erst noch finden müsse. Die IG Metall begrüße die Neugründung, sagte eine Sprecherin verwies darauf, dass sich Zwickel bereits 1995 dafür ausgesprochen habe, die Zahl der Einzelgewerkschaften im DGB auf fünf bis sechs zu verringern. Damals war Zwickel noch von zwei Dienstleistungsgewerkschaften ausgegangen, einer für öffentliche und eine für privatwirtschaftliche Dienstleistungen. Mit der Verdi-Gründung verringert sich die Zahl der DGB-Gewerkschaften bereits von zwölf auf acht. Gewerkschaftsforscher erwarten, dass die Zahl noch weiter abnehmen wird und in einigen Jahr nur noch drei Blöcke im Gewerkschaftsbund übrig sind - Verdi, IG Metall und die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE).

Kräfte raubende Konkurrenz beenden

Die fünf Verdi-Partner haben sich für eine einheitliche Organisation entschlossen, mit der die Deutsche Angestellten- Gewerkschaft nach über 50 Jahren Spaltung im Gewerkschaftslager unter das Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zurückkehrt. Im rasch wachsenden Dienstleistungssektor wollen sie mit einer Stimme sprechen und die Kräfte raubende Konkurrenz untereinander beenden.

Ganz reibungslos wird die Integration allerdings zumindest für eine Übergangszeit von einigen Jahren auch nach Ansicht von Gewerkschaftern nicht funktionieren. "Da gibt es noch Schwierigkeiten und Gerangel", heißt es in Gewerkschaftskreisen. "Jeder wird zunächst auf seinen alten Zuständigkeiten beharren und will möglichst viel vom anderen haben wollen." Verdi muss zunächst ihre komplexe Struktur aus 13 an Berufsgruppen und Branchen orientierten Fachbereichen mit Leben füllen, bevor sie ihre durch die Mitgliederzahl entstandene Macht in Tarifrunden auch entfalten kann. Auch werden wegen der unterschiedlichen Kulturen der fünf Gründungsgewerkschaften innerhalb der Großorganisation anfangs erhebliche Spannungen erwartet.

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