Verdi verzeichnet ebenfalls Zuwächse
IT-Entlassungswelle bringt Gewerkschaften Zulauf

"Jetzt wo es brennt, kommen die Leute in Scharen zu uns," berichtet IG-Metall Gewerkschafter Michael Leppek aus Bayern.

Reuters HAMBURG. Die als traditionelle Industriegewerkschaft geltende IG Metall registriert sogar vermehrt Zulauf von Angestellten, zu denen sie lange vergebens den Zugang gesucht hat. Inzwischen erhalte man sogar Anfragen aus dem mittleren Management, heißt es etwa in der Netzwerksparte von Siemens , die in dem Elektro- und Elektronikkonzern von Personalabbau besonders bedroht ist.

Am Freitag rief die IG Metall die Siemens-Beschäftigten in München, Berlin und Düsseldorf zu Protestkundgebungen gegen Pläne des Unternehmens auf, bundesweit in der Netzwerksparte, den industriellen Dienstleistungen sowie der Gebäudetechnik 15 000 Stellen zu streichen.

"Wir haben Zuwächse", heißt es auch bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Der in der Gewerkschaft für den Bereich IT und Datenverarbeitung zuständige Michael Jäkel sagt: "Die Belegschaften sind aufmüpfiger geworden." In Unternehmen, in denen bislang flache Hierarchien und Familiengeist propagiert worden seien und die Beschäftigten durch verlockende Aktienoptionsprogramme den Eindruck bekommen hätten, ein Teil ihrer Firma gehöre ihnen, werde durch den Stellenabbau schnell klar, "wer wirklich das Sagen hat".

Genau beziffern können die Gewerkschaften den Zulauf bislang nicht, denn die Eintritte werden meist zeitversetzt registriert. Für einen zählbaren Erfolg sei es in der aktuellen Kündigungswelle noch zu früh, heißt es.

Einen ersten Schub erhielten die Gewerkschaften schon vor rund zwei Jahren durch das abrupte Ende der so genannten New Economy. In einigen Unternehmen des Neuen Marktes wurden damals erste Betriebsräte gegründet. Die Mulitmedia-Agentur Pixelpark war ein Vorreiter und verschaffte dem neu geschaffenen Verdi-Ableger connex.av Popularität. Dem Beispiel schlossen sich andere Belegschaften an. Oft hatten die neu gegründeten Betriebsräte dann aber nichts anderes mehr zu tun, als Sozialpläne mit der Geschäftsleitung auszuhandeln.

"Inzwischen haben viele verstanden, dass sie etwas länger arbeiten müssen als bis zum Alter von 30 Jahren und Fragen wie die Altersvorsorge eine wichtige Rolle spielen", sagt Verdi-Gewerkschafter Jäkel. Verdi zählt im Bereich Telekommunikation, Mobilfunk, IT und Datenverarbeitung 154 000 Mitglieder, den größten Teil davon bei der Telekom.

Bei Siemens, wo nach Angaben der IG Metall Tausende Stellen in der Netzwerksparte und im Bereich industrielle Dienstleistungen bedroht sind, registriert die Gewerkschaft starken Zuspruch von Beschäftigten, bei denen sie nach eigener Einschätzung bislang als "Proletarierorganisation" verpönt war. Ingenieure, Softwareentwickler und sogar Vertriebsleute kämen auf die Gewerkschaft zu, berichtet Leppek, der Mitarbeiter im IT-Bereich der IG Metall in Bayern ist.

Bemerkenswert ist diese Entwicklung aus Sicht der Gewerkschaft vor allem, weil Vertriebsmitarbeiter durch teilweise hohe Provisionen weit mehr als die in anderen Bereichen üblichen Tariflöhne verdienen und Gewerkschaften in diesen Kreisen eher den Ruf von "Wachstumsverhinderern" haben.

Die IG Metall nehme bei den von Entlassungen bedrohten Siemens-Bereichen in Bayern inzwischen in einem Monat das 20fache dessen an neuen Mitgliedern auf, was früher innerhalb eines Jahres eingetreten sei, berichtet Leppek. "Jetzt wo es brennt, kommen die Leute in Scharen zu uns." Dabei handele es sich aber nicht nur um Eintritte von unmittelbar von Entlassung bedrohten Beschäftigten, "die schnell noch den Rechtsschutz der Gewerkschaft haben wollen". Die IG Metall stelle vielmehr Veränderungen in der Unternehmenskultur fest. Viele seien enttäuscht von Versprechungen des Unternehmens, wonach die Arbeitsplätze erhalten blieben. "Die Siemens-Kultur ist zerschnitten," urteilt Leppek.

Auch bei der von Insolvenz bedrohten Mobilcom berichtet die IG Metall über regen Zulauf. Der für das Unternehmen zuständige Bevollmächtigte Kai Petersen sagt, als die Büdelsdorfer Firma in Boom-Zeiten vor drei bis vier Jahren noch wie eine "Turnschuh-Firma" geführt worden sei, habe seine Gewerkschaft in der Belegschaft das Image gehabt, für "Arme und Proletarier" zuständig zu sein. Seit Mobilcom mit den Banken um seine Existenz ringt, habe sich dies geändert: "Inzwischen nehmen wir jeden Tag ein bis zwei neue Mitglieder auf.

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