Verein eröffnen sich nun ungeahnte sportliche und wirtschaftliche Perspektiven
Bremer Maßanfertigung

Werders grandioses 5:1 gegen den RSC Anderlecht eröffnet dem Verein ungeahnte sportliche und wirtschaftliche Perspektiven.

BREMEN. Nur für die Auftritte im europäischen Hochadel hüllt sich Thomas Schaaf in feines Tuch, trägt dunkle Hose, Hemd und Sakko. Und dem Trainer von Werder Bremen, der sonst graue Kapuzenpullover bevorzugt, steht auch dieses Gewand. Was irgendwie ins Bild passt: Nicht einmal hat Schaaf diese Saison angesichts der vielen Verletzten seinen ersten Anzug aufgeboten, nicht einmal hat Werder zwei Spiele hintereinander in derselben Formation gespielt - und doch passt alles wie angegossen. Das formidable 5:1 gegen den überforderten RSC Anderlecht war gar eine Maßanfertigung, die den Fußball-Lehrer mit Stolz erfüllte. "Das war eine absolute Top-Leistung", sagte Schaaf, "vor allem die Art und Weise, wie wir gespielt haben."

Der Grund? "Technik und Taktik ist das eine", sagte Ludovic Magnin, "aber bei uns gibt es Spaß bei der Arbeit." Alle Spieler seien davon beseelt, "eine ganze Stadt nun auch in der Champions League träumen zu lassen." Miroslav Klose relativierte Werders Leistung etwas, als er meinte: "Ohne Anderlecht zu nahe treten zu wollen, die haben nicht viel gemacht." Und doch war der stimmungsvolle Abend erst durch den besonderen Werder-Willen möglich. "Wir standen im Tunnel", erzählte Klose, "und wollten loslegen." Was von Anfang bis Ende in eindrucksvoller Manier gelang: Schon nach 82 Sekunden hämmerte Ivan Klasnic den Ball volley ins Tor, Sekunden vor dem Abpfiff traf der starke Daniel Jensen - dazwischen lagen unzählige verzückende Momente, zwei weitere Klasnic-Tore und ein Klose-Treffer. Klasnic ist mit fünf Toren gar der beste Torjäger der Champions League.

Der 24-jährige Kroate, in Bremen mit dem Spitznamen "Killer" bedacht, gilt als Schlitzohr, als Zocker - auf und außerhalb des Platzes. Zu Vertragsverhandlungen im Frühjahr erschien er nur mit dem Taschenrechner. Einen Berater brauchte der gebürtige Hamburger nicht - sein Gehalt für den Kontrakt bis 2007 verdoppelte er allein. "Er ist geistig und körperlich sehr mobil", sagt Klubboss Jürgen L. Born, "und er zieht in jeder Lebenslage alle Register."

In Klose, der kämpft, trickst und grätscht, als hätten ihn nie Selbstzweifel geplagt, hat Klasnic auf dem Platz einen kongenialen Partner gefunden. Beide bilden das wohl kompletteste Sturmduo der Liga - spiel- wie laufstark, zweikampf- und kopfballstark. Und da die Champions League das Plateau bietet, auf dem auch Johan Micoud über 90 Minuten glänzen möchte, versiegt der Fluss an Pässen und Flanken nicht. Dieses Dreieck muss europaweit keinen Vergleich fürchten, "auch wenn wir noch nicht gegen Real oder Chelsea gespielt haben" (Born).

Werder hat sich nicht nur zur wichtigsten Marke der Stadt entwickelt, sondern hat auch international an Reputation gewonnen. Für Born war der sportlich wie wirtschaftlich erfreuliche Abend "ein ganz wichtiger Meilenstein in der Werder-Geschichte". Zum einen sind die internen Kritiker an der nicht risikofreien Investitionspolitik besänftigt, zum anderen sind die Budget-Planungen übertroffen. Mindestens Platz drei ist Werder in der Gruppe G der Champions League sicher. Nur der Gruppenletzte scheidet aus, der Dritte spielt im Uefa-Cup weiter - international bleibt Werder also noch eine Weile im Geschäft. "Aber es gibt nur ein Ziel", sagt Abwehrchef Valerien Ismael, "wir wollen Inter Mailand schlagen und damit ins Achtelfinale kommen." Doch auch die Champions League birgt noch eine große Gefahr. "Wenn wir gegen Inter nicht gewinnen und in Valencia 0:2 verlieren, dann war dieser schöne Abend nicht viel wert", warnte Klose.

Dann könnte Thomas Schaaf seinen schönen Anzug nur noch im Uefa-Cup tragen. Am Samstag bei Hertha BSC wird er hingegen gewiss wieder auf den grauen Kapuzenpullover zurückgreifen.

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