Vereinbarung nicht mehr als ein tragfähiger Kompromiss
Ohne Jubel: Metaller nehmen die Einigung zurückhaltend auf

Freudentänze blieben in den Betrieben der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie am Tag nach der Einigung weitgehend aus. Überall rechneten die Metaller am Donnerstag die Zahlen des Lohnabschlusses herauf und herunter, um zu sehen, was unterm Strich für sie dabei herauskommt.

dpa FRIEDRICHSHAFEN/STUTTGART. "Als Sieg empfindet dieses Ergebnis wohl niemand. Der Abschluss wird aber im Großen und Ganzen akzeptiert", sagte Hans Kirchgässner, Betriebsratvorsitzender beim Autozulieferer ZF Friedrichshafen, und sprach damit für viele Kollegen.

Im DaimlerChrysler-Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim ging es am Donnerstagmorgen gelassen zu. "Es trifft wohl wirklich das schwäbische Sprichwort "Nicht geschimpft ist genug gelobt" zu", sagte die Assistentin des Betriebsrates, Isa Pscheidl. In der Kantine habe es am Morgen weder Gejubel noch Geschrei gegeben. Einige Kollegen hätten verkündet, nun in die IG Metall einzutreten. Ihr Kollege Rolf Kappi hatte noch einmal die Meldebögen für den Streik vom Vortag entgegen genommen. "Die meisten gaben ruhig ihre Zettel ab, wirklicher Unmut und emotionale Aussagen waren kaum dabei", sagte er.

Sehr bewegt reagierte der Maschinenschlosser und Betriebsrat Roland Bartle vom Bad Cannstatter Motorenwerk des Automobilkonzerns. "Als ehemaliger Zeitlöhner schaue ich nicht nur nach vier oder 6,5 %", sagte der 46-Jährige. "Ich bin stolz, dass Arbeiter und Angestellte nun endlich gleichberechtigt sind", kommentierte er den geplanten Entgeltrahmentarifvertrag (ERA). "Da steckt in Zukunft mehr Geld drin, als viele bis jetzt sehen."

Die "magische Vier" vor dem Komma, die die IG Metall durchsetzen konnte, schmolz allerdings in den Augen mancher Metaller zusammen, weil ein Teil davon für ERA verwendet werden soll. "Das Tarifergebnis ist ein tragfähiger Kompromiss für die IG Metall, aber nicht für die Beschäftigten in der Fahrzeugindustrie. Die Leute wären bereit gewesen, für tatsächliche vier Prozent noch länger zu kämpfen", meinte Betriebsrat Andreas Märkl bei Iveco in Ulm. Er teile auch die allgemeine Kritik an der Laufzeit. John Deere-Betriebsrat Rainer Wietstock sind die 3,1 % ab Juni 2003 ein Dorn im Auge. "Wir werden prüfen müssen, ob sie bei der Inflation gereicht haben."

Auch im Betrieb von Südwestmetall-Chef Otmar Zwiebelhofer, der die Einigung zusammen mit dem IG-Metall-Bezirksleiter Berthold Huber erzielt hatte, hielt sich der Jubel in Grenzen. "Die Leute sind mehrheitlich dennoch recht zufrieden. Nur einige haben gemurrt", sagte König-Metall-Betriebsrat Patrick Bilusic. Ohne den Streik hätte die Einigung wohl länger gedauert.

Auf Seiten ihrer Arbeitgeber war die Enttäuschung über die Lohnerhöhung in Baden- Württemberg wohl deutlich größer. "Der Abschluss ist - in der Höhe und wie er zu Stande gekommen ist - im Grunde inakzeptabel", sagte Bosch-Chef Hermann Scholl am Donnerstag bei der Vorlage der Geschäftszahlen seines Unternehmens. Die Erhöhung der Löhne und Gehälter koste den Konzern in diesem Jahr 115 Mill. ?, meinte Scholl. Zu den 102 000 Arbeitsplätzen bei Bosch in Deutschland würden keine weiteren hinzukommen.

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