Vereinte Nationen gefordert
USA geben UNO Schlüsselrolle in Afghanistan

Die USA wollen sich beim Aufbau einer Nachkriegsregierung in Afghanistan heraushalten. Die Vereinten Nationen sollen zunächst den Aufbau einer öffentlichen Verwaltung überwachen, sagte US-Außenminister Colin Powell. Doch die Integration der verschiedenen ethischen Gruppen ist schwierig.

HB WASHINGTON. Während die US-Angriffe auf Afghanistan zur täglichen Routine geworden sind, schiebt sich eine Frage immer drängender in den Vordergrund: Wie sieht eine politische Nachkriegsordnung für das Armenhaus am Hindukusch aus? US-Außenminister Colin Powell hat der Uno eine entscheidende Rolle in diesem Prozess eingeräumt. Die Uno habe in Kambodscha und Osttimor gezeigt, dass sie bei der öffentlichen Verwaltung bis zum Aufbau eigener Institutionen helfen könne, so Powell.

Nach Angaben von Diplomaten in Washington gibt es bereits eine grundsätzliche Einigung zwischen den USA und der Uno. Demnach sollen verschiedene afghanische Gruppen das Ruder für den Fall übernehmen, dass das Taliban-Regime stürzt. Der Uno-Gesandte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, reist am Wochenende nach Pakistan und Iran, um Eckpunkte für einen Nachkriegsplan auszuloten. "Die Vereinten Nationen wollen eine innerafghanische Lösung unterstützen", erklärte Uno-Sprecherin Marie Okabe gegenüber dem Handelsblatt. "Dabei müssen die Nachbarländer ebenso eingebunden werden wie der Uno-Sicherheitsrat."

Die US-Regierung werde bei diesem Prozess keine Schlüsselrolle spielen, erklärte Powell: "Es kann nicht funktionieren, wenn ein Land diktiert, wie die Zukunft der afghanischen Regierung aussehen soll." Powell schloss auch aus, dass Pakistan, das bis vor kurzem das Taliban-Regime unterstützt hatte, großen Einfluss erhalte.

Wie die Bildung einer Nachkriegsregierung genau aussehen soll, ist jedoch unklar. "Ich habe kein Modell, ob man gleich einen obersten Rat der afghanischen Gruppen einberufen soll, oder ob es besser ist, mit einigen kleineren Versammlungen anzufangen", betonte Powell. Am Mittwoch hatten rund 1000 afghanische Stammesangehörige, Kämpfer und religiöse Führer in Peschawar dazu aufgerufen, das Bombardement zu beenden. Das Schicksal Afghanistans solle in einer "Loya Jirga", einer großen Versammlung, entschieden werden.

Wie Powell weiter ausführte, müssten die Taliban bei einer Nachkriegsordnung ausgeklammert werden. Die von den USA unterstützte Nordallianz sollte dagegen eine starke Stellung haben. Die Oppositionsgruppe setzt sich allerdings zu großen Teilen aus den ethnischen Minderheiten der Usbeken und Tadschiken zusammen, während die Taliban-Regierung von der Mehrheit der Patschunen getragen wird. Um die ethnischen Reibungen möglichst klein zu halten, wollen die USA den 87-jährigen afghanischen Ex-König Safir Schah, der in Rom im Exil lebt, als integrierende Symbolfigur einsetzen. Er bringe eine "gewisse Autorität" mit, so Powell.

Laut Powell stehen die Amerikaner mit einer Reihe von Ländern in Zentral- und Südostasien in Verbindung. Dabei spiele insbesondere Iran eine Rolle. "Wir haben auf einer interessanten Ebene Kontakte mit Teheran, und wir bekommen Signale", sagte Powell.

Mittlerweile steht die US-Administration allerdings unter Zeitdruck. Nach verschiedenen Presseberichten wollen die USA ihre Bombenangriffe etwas drosseln, um der Opposition in Afghanistan Spielraum zur Sammlung zu geben. Auf der anderen Seite ist ab Mitte November mit dem Wintereinbruch zu rechnen. Schnee, Eis, Kälte und unzugängliche Bergwege machen dann militärische Operationen am Boden sehr viel schwieriger.

Darüber hinaus kommt der Ramadan-Faktor ins Spiel: Am 17. November beginnt der moslemische Fastenmonat. Bombardieren die Amerikaner Afghanistan in dieser Zeit, droht ihnen der geballte Hass der weltweit 1,2 Milliarden Moslems. Pakistans Präsident Pervez Musharraf warnte bereits vor einem Aufruhr in der islamischen Welt. Und Indonesiens Außenminister Hassan Wirajuda meinte, dass dies eine "emotionale und explosive Angelegenheit", wäre. In der Vergangenheit hielt der Ramadan Moslems zwar nicht davon ab, in den Krieg zu ziehen. Aber bei einer US-Beteiligung liegt der Fall anders. "Studenten verbrennen amerikanische und israelische Flaggen und singen Lieder auf Osama bin Laden", erklärt der Universitätsprofessor Ali Kandil in Kairo. Und: "Wenn die USA weiter Bomben werfen, wird es während des Ramadans Massendemonstrationen geben."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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