Verhältnis von FDP zu Möllemann ist eine Art Hassliebe
Möllemann im Sinkflug

So hatte sich Jürgen Möllemann den Tag nach der Bundestagswahl nicht vorgestellt. Der Vater des "Projekts 18"hatte noch kurz vor der Wahl und mitten in der neu aufgeflammten Antisemitismus-Debatte öffentlich von einem Ministerposten in Berlin oder dem stellvertretenden Ministerpräsidenten in NRW geträumt.

ddp BERLIN/DÜSSELDORF. Diese Träume sind mit dem schlechten Wahlergebnis der FDP geplatzt wie die sprichwörtliche Seifenblase. Weil die Führungsspitze der Liberalen Möllemann zu großen Teilen für das Debakel verantwortlich machte, nahm der Politiker seinen Hut als Parteivize - und beendete damit seine bundespolitische Karriere.

Beendete sie vorläufig, muss es bei Möllemann korrekterweise wohl heißen. Denn das "Stehaufmännchen" der deutschen "auf die politische Bühne zurückkehren kann. Und so wird der 57-Jährige hart um den Landesvorsitz in Nordrhein-Westfalen kämpfen, der ihm jetzt auch strittig gemacht wird. Hier hatte sich der passionierte Fallschirmspringer in den letzten Jahren seine Machtbasis aufgebaut - unter anderem, als er bei der Landtagswahl vor zwei Jahren aus dem Stand 9,8 Prozent der Stimmen in NRW mit seinem Landesverband holte.

Jürgen Möllemann steckt Niederlagen scheinbar leicht weg. Darin hat der nordrhein-westfälische FDP-Vorsitzende auch Übung. Häufig genug hat er in seiner Politikerkarriere schon Abstürze erlebt. Es hat ihm vor allem bei seinen Anhängern den Ruf des politischen Stehaufmännchens eingebracht, dass er sich anschließend immer wieder aufrappelte und in gewohnter Manier zurück auf die politische Bühne polterte.

Wenn seine auch in der FDP zahlreichen Kritiker gehofft hatten, der vor Selbstbewusstsein strotzende Möllemann würde mit der Zeit vielleicht etwas ruhiger werden, sahen sie sich immer wieder enttäuscht. Noch im Sinkflug führte der FDP-Vize im Streit mit dem Zentralrat der Juden schon wieder seine nächsten Attacken, um seine Niederlagen zu relativieren.

Das Verhältnis der FDP zu Möllemann ist eine Art Hassliebe. Einerseits konnten die Liberalen auf den genialen Wahlkämpfer Möllemann kaum verzichten. Andererseits trieb er die Partei immer wieder geradezu in den Wahnsinn. "Quartalsirrer" oder "intrigantes Schwein" sind nur die ausgefallensten Kosenamen, die Möllemann in solchen Situationen aus der FDP zugedacht bekam.

Die erste der vielen Karrieren des Liberalen begann mit 27 Jahren als Bundestagsabgeordneter. Sein Förderer Hans-Dietrich Genscher holte Möllemann als Staatsminister und "Minenhund" ins Auswärtige Amt. Ab 1987 setzte er dann starke Akzente als Bundesbildungsminister mit einem Hochschulsonderprogramm und einer überdurchschnittlichen Steigerung des Bildungsetats.

Den bisher schwärzesten Tage erlebte Möllemann am 3. Januar 1993. Damals musste er als Bundeswirtschaftsminister zurücktreten, weil er auf amtlichem Briefpapier für den Einkaufswagen-Chip eines Verwandten geworben hatte. In der Folgezeit legte sich Möllemann vor allem mit der neuen Parteiführung unter Außenminister Klaus Kinkel an. Dies kostete ihn 1994 in seinem eigenen Landesverband den Vorsitz. Die Delegierten waren der ständigen Stänkereien gegen die Bonner Parteiführung einfach überdrüssig geworden.

Getreu dem Motto seines Fußballvereins "Steh auf, wenn Du ein Schalker bist" berappelte sich Möllemann aber schnell wieder. Sein Comeback auf Landesebene gelang 1996 bei seiner Wiederwahl zum NRW-Parteichef. Auf Bundesebene gelang die Krönung der erneuten Karriere, als er im Mai 2001 auf dem Parteitag in Düsseldorf zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt wurde. Diese Krone hat Möllemann nun selbst verspielt.

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