Verhandlungen mit Alcatel abgebrochen – US-Senatoren hatten vor Übernahme des Forschungszentrums gewarnt
Lucent bleibt vorerst allein

Noch am Montag galt der Zusammenschluss von Alcatel und Lucent als fast sicher. Am Dienstagabend dann das Aus der Gespräche. Kritiker in Washington dürften aufgeatmet haben - sie hatten gefürchtet, die Ikone der US-Forschung, die Lucent-Tochter Bell Labs, an Frankreich zu verlieren.

NEW YORK. Die Fusionsverhandlungen der beiden Telekomausrüster Alcatel SA und Lucent Technologies Inc. sind vorerst geplatzt. Wie das Wall Street Journal aus Verhandlungskreisen erfuhr, hatte sich Streit darüber entzündet, ob der Zusammenschluss tatsächlich eine Fusion unter Gleichen werden sollte, oder ob es auf eine Übernahme Lucents durch die französische Alcatel hinauslaufe. Den Informationen nach wollte die Alcatel-Seite, der 58 % des fusionierten Unternehmens gehören sollten, die Oberhand behalten. Die Lucent-Unterhändler drängten indessen auf eine gleichmäßige Besetzung der Vorstandsposten oder auf einen angemessenen Übernahme-Aufschlag an die Lucent-Aktionäre. Optimisten hatten für den heutigen Mittwoch die offizielle Bekanntgabe der Fusion erwartet. Der Kaufpreis wurde auf gut 23 Mrd. $ geschätzt.

Zuletzt hatten sich auch Kritiker in der US-Hauptstadt Washington zu Wort gemeldet. Denn mit dem Verkauf von Lucent an Alcatel wechselte auch eine Ikone amerikanischer Grundlagenforschung in ausländische Hände - die Bell Laboratories. 30 000 Wissenschaftler, 40 000 Erfindungen seit der Gründung im Jahr 1925, rund 26 000 aktuelle Patente. Im durchschnittlichen US-Haushalt gibt es 25 Produkte, die aus Erfindungen der Bell-Labs-Tüftler hervorgegangen sind, darunter Telefon, Fernseher, Videorecorder, CD-Spieler und Computer. An sechs Nobelpreisen waren Bell-Lab-Forscher beteiligt. Auf diese Ideenschmiede hat Alcatel-Chef Serge Tchuruk es abgesehen: Er plant nach Informationen aus Firmenkreisen, die Forschung seines Konzerns in die USA - zu den Bell Labs - zu verlagern.



Drei Argumente führen die Gegner der Fusion Alcatel/Lucent an: Arbeitsplatzverluste, nationale Sicherheit - und Nationalstolz. Angst vor dem Verlust von Jobs hat Senator Robert Torricelli, Demokrat aus New Jersey. In seinem Bereich, in Murray Hill nahe New York, hat Lucent seine Zentrale. Analysten erwarten, dass Lucent und Alcatel 20 000 der mehr als 130 000 Mitarbeiter entlassen.



Im Zentrum der Sicherheitsbedenken stehen die Bell Labs. Das Committee on Foreign Investment in the U.S. (CFIUS) wird die Übernahme wohl genau prüfen. Das CFIUS besteht aus Vertretern aus elf Bundesbehörden - darunter der Spionagedienst National Security Agency und das Verteidigungsministerium. -, die ausländische Investitionen in den USA auf ihre Folgen für die nationale Sicherheit des Landes abklopfen. Zuletzt hatte die Untersuchung der Übernahme der kalifornischen Technologiefirma Silicon Valley Group Inc. durch die niederländische ASM Lithography NV für Schlagzeilen gesorgt. Im Falle Alcatel/Lucent müsste das CFIUS nachweisen, dass die Technologie der Bell Labs essentiell für die nationale Sicherheit ist. Ein Blick in die Einkaufslisten des Verteidigungsministeriums zeigt, dass Lucent im vergangenen Jahr Waren im Wert von 132 Mill. $ an das Pentagon geliefert hat - ganze 0,4 % des Konzernumsatzes von 33 Mrd. $.



Den Ruhm der Bell Labs begründete die Grundlagenforschung. Immer noch arbeiten die Wissenschaftler an grundlegenden Problemen in Verschlüsselung, Mathematik und Physik. Nach der Abspaltung vom Telefongiganten AT & T im Jahr 1996 koppelte Lucent jedoch das Budget der Forscher an das Konzernergebnis. Die Laboratorien erhalten zehn bis zwölf Prozent des Umsatzes. Vermutungen, dass in den Bell Labs an hoch geheimen Projekten gearbeitet wird, sind derweil reine Spekulation, sagt Alan Tonelson vom United States Business and Industrial Council. Allerdings werden Lucent-Produkte in für die nationale Sicherheit wichtigen Bereichen eingesetzt, so beim Notfall-Kommunikationsnetz der Regierung - daran könnte sich das CFIUS stoßen.



Analysten sagen jedoch, Alcatel/Lucent könne die Bedenken mit wenigen gezielten Verkäufen ausräumen. Zudem hat das CFIUS bisher nur in wenigen Fällen Einspruch gegen eine Auslandsübernahme erhoben: Von 1988 bis 1998 wurden der Gruppe 1258 derartige Geschäfte gemeldet; 17 hat sie überprüft, ein einziges verboten. Bleibt der Nationalstolz. Dass die Emotionen in Washington hoch schlagen, wenn die 76 Jahre alte Ikone der amerikanischen Grundlagenforschung an die Franzosen geht - wen wundert?s.

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