Verhandlungen mit der Hamburger Immobiliengruppe HBAG gestört – Schutzgemeinschaft beklagt Satzungsverstoß
Gericht stoppt Ausverkauf der Agiv

Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre hat den Ausverkauf beim einstigen Frankfurter Industriekonzern Agiv per Gericht blockiert. Für den Agiv-Vorstand und den Frankfurter Großaktionär BHF kommt das Urteil denkbar ungünstig: Die Bank verhandelt über einen Verkauf ihres knapp 50-prozentigen Agiv-Anteils.

lip HAMBURG. Das Frankfurter Landgericht hat die umfangreichen Beteiligungsverkäufe der Frankfurter Industrie- und Verkehrsholding Agiv mit einem Erlös von mehr als 1,5 Mrd. DM für rechtlich unwirksam erklärt. Das Gericht gab damit einer Anfechtungsklage der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) in Frankfurt statt, die sich gegen die Ausverkaufspolitk des einst angesehenen Mischkonzerns gestemmt hatte. Die Notierung gab nach Bekanntwerden des Urteils gestern in Frankfurt um 2,12 % auf 11,55 Euro nach.

Der Agiv-Vorstand hatte auf Drängen der Frankfurter BHF-Bank, die mit knapp 50 % an der Agiv beteiligt ist, ihren Anteilsbesitz in den vergangenen zwei Jahren systematisch verkauft. Stück für Stück wurde das Firmengeflecht aus Maschinenbau- und Industriebetrieben veräußert - mit Ausnahme der Münchener Bauträgergesellschaft Mübau. Zuvor hatte sich die BHF-Bank jahrelang vergebens um einen Käufer für ihr Aktienpaket bemüht. Zu den Verkäufen gehörten unter anderem die Spectris und Andritz AG, die Barmag sowie die Schenck-Gruppe.

Als "faktische Selbstauflösung" hatte die SdK diesen Verkauf der Beteiligungen bereits auf der Agiv-Hauptversammlung am 17. November 1999 kritisiert. Nach Ansicht der Aktionärsvereinigung wäre hierfür eine Satzungsänderung erforderlich gewesen, die nur mit einen Mehrheitsbeschluss der Aktionäre zu Stande gekommen wäre.

Stattdessen hatte der Vorstand die Firmen nach eigenem Ermessen verkauft. Unter Einfluss des Großaktionärs stimmte der Agiv-Vorstand wegen des außerordentlichen Verkaufserlöses einer Sonderausschüttung von 13,35 DM je Aktie zu. Im Gegensatz zur BHF-Bank, die ihr Ergebnis damit deutlich aufpolieren konnte, mussten die Kleinaktionäre die Dividende jedoch versteuern. Eine SdK-Sprecherin: "Den Kleinaktionären ist ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstanden, der ausgeglichen werden muss."

Gegen das Urteil will der Agiv-Vorstand Berufung einlegen. "Wir werden in die Revision gehen", betonte Werner Rentzel, Mitglied des Agiv-Vorstands. Seiner Ansicht nach hat das Gericht lediglich formale Gesichtspunkte gegen die Verkäufe angeführt. Nähere Angaben wollte er hierzu aber nicht machen, da ihm das Urteil bislang nicht schriftlich vorliege.

Sollte eine Satzungsänderung für die Beteiligungsverkäufe notwendig sein, soll dies auf der nächsten Hauptversammlung nachgeholt werden. "Die vom Gericht vorgebrachten Punkte dürften dann geheilt sein", so Rentzel. Er schließt zudem eine Rückabwicklung der Verkäufe aus. Noch unklar ist aber, ob die Aktionäre auf der nächsten Agiv-Hauptversammlung einer Satzungsänderung zustimmen.

Das Urteil des Landgerichts trifft die BHF-Bank zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn das Frankfurter Geldhaus will seinen Agiv-Anteil nach Informationen des Handelsblatts an die börsennotierte HBAG Real Estate AG veräußern. An dieser Gesellschaft ist auch die börsennotierte Frankfurter WCM Beteiligungs- und Grundbesitz AG mit 17 % beteiligt. "Die BHF-Bank führt derzeit konkrete Verkaufsverhandlungen. Es wird bereits über Vertragsbestandteile gesprochen", erklärt Rentzel. Den Namen des Erwerbers wollte der Agiv-Vorstand aber nicht nennen.

Auch der Hamburger Immobilienkonzern HBAG hält sich bedeckt. "Wir schauen uns vieles am Markt an", so ein Sprecher. Ob sich darunter auch die Agiv befindet, wollte er hingegen nicht kommentieren.

Die Hamburger Immobiliengruppe schielt seit längerem auf den Aktienmantel der Agiv. Der Hintergrund: Noch vor einigen Monaten wollte der Konzern den Börsenmantel der Horten AG übernehmen. Doch der Erwerb der ehemaligen Warenhausgruppe, der indirekt zum Düsseldorfer Handelsriesen Metro gehört, kam wegen unterschiedlicher Preisvorstellungen nicht zu Stande.

WCM-Großaktionär Karl Ehlerding, der inzwischen mit dem BHF-Vorstand den Erwerb des Agiv-Aktienpaketes weitgehend ausgehandelt hat, will nach Informationen aus Bankenkreisen seinem Geschäftsfreund und HBAG-Großaktionär Rainer Behne den Agiv-Anteil überlassen. Die HBAG will über eine Kapitalerhöhung die Anteile der BHF-Bank an der Frankfurter Holding übernehmen.

Als Gegenleistung soll die HBAG Gewerbeimmobilien der WCM übernehmen, die sich nur noch auf Wohnimmobilien konzentrieren will. Mit dem Verkauf der Gewerbeimmobilien will die WCM-Gruppe auch den Erwerb der börsennotierten Duisburger Klöckner Werke - AG finanzieren. Deren Aktionäre sollen am Wochenende von der WCM ein endgültiges Übernahmeangebot erhalten.



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