Verhandlungsmarathon der Koalition
Die eingemauerte Kanzlerin

Als Angela Merkel vor die blaue Verkündigungswand im Kanzleramt tritt, wirkt sie blasser als sonst. Schuld ist nicht nur der weiße Blazer. Nein, die Bundeskanzlerin hat allen Grund zur Blässe.

BERLIN. Zum einen ist es Montagmorgen 5.30 Uhr, stundenlang hat sie durchverhandelt. Da sieht niemand frisch aus. Zum anderen aber hat sich Merkel nicht irgendeine Nacht um die Ohren geschlagen. Gerade hat sie mit dem Koalitionsausschuss die bislang wohl entscheidende Nacht dieser Legislaturperiode hinter sich gebracht. Denn an der nun beschlossenen Gesundheitsreform, das hat sie selbst gesagt, soll man die Koalition messen.

Genau genommen gibt es an diesem Morgen aber noch zwei andere Gründe, um blass zu werden. Sie heißen Kurt Beck und Edmund Stoiber. Beide rahmen die Kanzlerin ein. Rechts zeigt SPD-Chef Beck ein unbewegtes Pokergesicht. Links lächelt der CSU-Vorsitzende Stoiber leise vor sich hin. Beide wirken weniger als Koalitionspartner denn als Bewacher Merkels.

Blick zurück: Tatsächlich spaziert der bayerische Ministerpräsident schon am Sonntagabend gelassen ins Kanzleramt. Er hat schließlich alle Vorkehrungen getroffen, dass es kein für ihn unangenehmes Ergebnis geben kann. "Keine Steuererhöhungen!", das war die öffentliche Maßgabe all jener Unions-Ministerpräsidenten gewesen, die sich wie Stoiber 2008 Landtagswahlen stellen müssen. Auf keinen Fall sollte Merkel gegenüber der SPD wieder so viel Kompromissbereitschaft zeigen wie beim Antidiskriminierungsgesetz. Der derart von den Länderfürsten eingemauerten Kanzlerin bleibt nichts anderes übrig, als noch vor Beginn des Koalitionsausschusses Steuererhöhungen auszuschließen - um den Eindruck von Führungsfähigkeit zu erhalten. Prompt trifft die SPD-Delegation verschnupft und verspätet im Kanzleramt ein.

Als die Kanzlerin im kleinen Kabinettssaal zunächst zu Schnitzel mit Kartoffelsalat bittet, wirken die Fronten deshalb verhärtet. Dreimal ziehen sich beide Seiten in der Folgezeit zu internen Beratungen zurück, immer neue Kaffeekannen und Säfte werden gereicht, dann eine Käseplatte. Den wartenden Journalisten zeigt man unterdessen zum Zeitvertreib einen alten US-Krimi mit dem sinnigen Titel "Kein Entkommen".

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