Verkäufe von Geschäftsfeldern sollen Schulden reduzieren – Weitere Konzentration auf Dienstleistungen
Getronics will in Deutschland wachsen

Das niederländische IT-Unternehmen will die Schulden verringern und anschließend in Deutschland dazukaufen. Das kündigte Vorstandschef Peter van Voorst im Gespräch mit dem Handelsblatt an.

AMSTERDAM. Die niederländische Getronics NV will sich von Firmenbeteiligungen trennen, um die Schuldenlast zu reduzieren. Der mit einem Umsatz von rund vier Mrd. Euro drittgrößte europäische Anbieter von Computernetzen und dazu gehörigen Dienstleistungen für Unternehmen will seine 630 Mill. Euro Schulden bis zum Jahresende um etwa ein Drittel verringern. "Ich bin sicher, dass das gelingt", sagte Vorstandschef Peter van Voorst zu den Verhandlungen. Er widersprach aber Gerüchten, dass Konkurrenten das Unternehmen komplett schlucken wollten: "Niemand hat angefragt, weder für eine Übernahme noch eine Fusion."

Der Druck auf den Amsterdamer Konzern hat sich jedenfalls verschärft. Obwohl er in der ersten Jahreshälfte in die schwarzen Zahlen zurückgefunden hat, findet die Aktie keinen Halt. Getronics ist nach dem diesjährigen Kurssturz von 83 % ein "Penny Stock" mit einer Marktkapitalisierung von nur noch 280 Mill. Euro. "Die Angst vor einem Konkurs ist aber völlig ungerechtfertigt", sagt Jeroen van Harten, Analyst des Finanzinstituts Rabo. Andere Analysten teilen die Ansicht.

Allerdings hängt über dem Unternehmen ein Damoklesschwert. Spätestens im April 2004 muss es einen Kredit tilgen und eine Wandelanleihe zurückkaufen. Beides diente 1999 dazu, die Übernahme des Rivalen Wang Global für 2 Mrd. $ zu finanzieren - beim damaligen Börsenwert von 12 Mrd. Euro schien die Verschuldung unproblematisch. "Gelänge der Schuldenabbau nicht, wäre die Lage gefährlich", räumte van Voorst ein. Deshalb sucht er nun offenbar Käufer für Hardware-Geschäftsbereiche. Van Voorst will den Umsatzanteil des Produktvertriebs auf 20 % drücken. "Verkäufe bringen bei der heutigen Marktlage wenig ein, sind aber nötig", sagt Analyst van Harten. Getronics hat sich bereits in den vergangenen drei Jahren durch die Trennung von Produktgeschäften immer stärker zum Dienstleister entwickelt. Der Schwerpunkt liegt auf dem Management von Informationssystemen und Netzwerken für Unternehmen. "Hier sind wir weltweite Nummer drei", sagte Voorst. Zu den Kunden gehören KLM, Philips und Shell.

Der Vorstandschef, der seit 33 Jahren im Unternehmen ist, will das Anlegervertrauen durch einen stetig steigenden Cash Flow und bessere Ergebnisse gewinnen. "Aber der Aktienkurs hat nicht die erste Priorität. Viel wichtiger ist, dass unsere Kunden treu geblieben sind - mit ihnen verdienen wir unser Geld." Noch ist die Bruttoumsatzrendite von 3,3 % relativ schwach. Die Kostensenkungen und Produktivitätssteigerungen der vergangenen zwei Jahre würden sich aber nach und nach auszahlen, verspricht van Voorst.

"Würden wir 2004 sechs Prozent Gewinnmarge haben, wäre das sehr gut. Aber wenn die Konjunktur so schwach ist, ist das unerreichbar", sagte er. Er scheut Prognosen, denn Fehleinschätzungen seines Vorgängers begründen das tiefe Misstrauen der Anleger. "Nie hätte 1999 gesagt werden dürfen, dass wir die 9 % Umsatzrendite des Vorjahres wieder erreichen würden - das hat viel zu hohe Erwartungen geweckt."

Finanzielle Enttäuschungen mit Wang, die Börsenflaute für Technologiewerte seit Mitte 2000 und die unerwartet tiefe Krise nach den hohen Investitionen für Internet und Jahrtausendwende drückten Getronics 2001 in rote Zahlen. Die weiteren Kursverluste und der entgegen aller Prognosen noch immer schrumpfende Markt hätten das "Übergangsjahr 2001" auf 2002 ausgeweitet, sagte van Voorst. Jedoch seien Integration, Neuorientierung und Internationalisierung von Getronics abgeschlossen. Das sei die Basis für solides Wachstum, sobald der Service-Markt anziehe und mittelfristig Wachstumsraten von fünf bis zehn Prozent erreiche.

Getronics beschäftigt inzwischen 28 000 Menschen in 32 Ländern. Ausweiten will van Voorst vor allem das deutsche Geschäft: "Nach dem Schuldenabbau haben Zukäufe in Deutschland oberste Priorität," Die Belegschaft soll hier von 300 auf 1 000 Mitarbeiter wachsen, um auch deutsche multinationale Konzerne weltweit mit Netzwerkdiensten versorgen zu können.

Die vom Produktvertrieb völlig auf Service umgestellte deutsche Tochter hat den Umsatz 2002 bisher um 20 % auf 70 Mill. Euro gesteigert. "Weil wir viel kleiner sind und sehr flache Hierarchien haben, sind wir schneller als Siemens, HP oder IBM", sagt Geschäftsführer Michael Hammerstein. Ab Dezember werde auch das Ergebnis ausgeglichen sein.

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