Verkauf oder Zusammenschluss mit Wettbewerber
Bertelsmann will sich von Fachverlag trennen

Der Medienriese Bertelsmann hat jetzt offiziell Verkaufsabsichten für seinen Fachverlag bestätigt. Das Unternehmen wächst nicht schnell genug und Synergieeffekte mit anderen Bereichen fehlen.

and/pos DÜSSELDORF. Der Medienkonzern Bertelsmann AG, Gütersloh, erwägt nach Aussagen von Vorstandschef Thomas Middelhoff sich von seinem Bertelsmann-Springer Verlag trennen. Der Fachverlag war erst 1999 seiner heutigen Form aus der Fusion der Bertelsmann Fachinformationen und dem für schätzungsweise rund 500 Mill. Euro übernommenen Wissenschaftlichen Springer Verlag entstanden. Mit knapp 750 Mill. Euro Umsatz (Geschäftsjahr 2000/2001) liegt die Gruppe aber unter einer von Middelhoff früher genannten "kritischen Größe" von 1 Mrd. Euro. Außerdem konnte außer in Deutschland nirgendwo in eine Spitzenposition erreicht werden. Und letztlich passt der Fachverlag nicht mehr in das neue Konzept Bertelsmanns, das sich auf Massenmärkte wie TV, Musik oder Buchmarkt konzentriert.

Und während diese Bereiche immer enger verzahnt werden, konnten Synergiechancen mit Bertelsmann-Springer bislang nicht gefunden werden. Bertelsmann-Springer hat, nach Sanierung unter seinem Chef Jürgen Richter (früher Vorstandschef der Axel Springer AG), im Rumpfgeschäftsjahr 2001 (30.6.2001 bis 31.12.2001) 30 Mill. Euro Bereichsergebnis abgeliefert. "Aus strategischer Sicht", so ein Medienmanager, "macht ein Verkauf schon Sinn."

Das Problem: Er dürfte sehr schwierig werden. Fachverlage haben schwer zu kämpfen, die Anzeigenumsätze brachen vergangenes Jahr branchenweit um rund 15 % weg. Das war der erste Rückgang in der Branchengeschichte. Da oft nur kleine Auflagen erstellt werden, ist die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen zudem besonders hoch. Speziell der Bertelsmann-Zweig des Verlags ist zudem mit Fachinformationen in der seit Jahren kriselnden Baubranche stark vertreten. Springer deckt vor allem den wissenschaftlichen und medizinischen Bereich ab.

Der bislang jüngste Versuch, einen Fachverlag in Deutschland zu verkaufen - die Augsburger Weka-Gruppe - scheiterte bereits. Im vorigen Jahr musste Vivendi-Universal S.A. seine Fachverlage an den Finanzinvestor Cinven Ltd. abgeben, weil kein Käufer aus der Branche zu finden war.

Intern wird deshalb bei Bertelsmann auch über andere Optionen gesprochen. Etwa eine "Integration von Teilen des Portfolios in Bertelsmann-Stammgeschäfte", wie es heißt oder einen Merger mit anderen Fachverlagen. Auf jeden Fall soll es ein "geordnetes Verfahren" geben, einen Zeitplan gebe es nicht. Allerdings würde ein Verkauf im laufenden Jahr Bertelsmann stark entlasten. Erst gerade wurde für rund 3 Mrd. $ ein Großeinkauf in der Musiktochter BMG vorgenommen.

Ein Sprecher des Medienkonzerns Wolters Kluwer NV (Umsatz 3,8 Mrd. Euro) erklärte auf Anfrage, dass kein Interesse an einer Übernahme bestehe. "Wir bauen gerade selber unser Engagement in wissenschaftlicher Fachliteratur ab und konzentrieren uns auf den Medizinbereich", so der Sprecher.

Neben Kluver wird auch dem britisch-niederländsiche Verlag Reed Elsevier Kaufinteresse nachgesagt. Eine Firmensprecherin in London wollte diese Gerüchte gestern zwar nicht bestätigen. Doch Reed-Chef Crispin Davis hat zuvor mehrfach geäußert, dass man durch weitere Zukäufe wachsen wolle. "Wenn es einen interessanten Markt gibt und dieser zum Geschäft passt, wird Reed Elsevier dies auf jeden Fall genau prüfen", erwartet ein Finanzberater in London.

Reed Elsevier ist bislang im Bereich der Wissenschaftsveröffentlichungen noch nicht auf dem deutschen Markt vertreten. Probleme mit den Kartellbehörden wären bei einer Übernahme von Bertelsmann Springer daher kaum zu erwarten. Reed Elsevier (Umsatz umgerechnet rund 7,2 Mrd Euro) hatte erst vor gut einem Jahr den US-Verlag Harcourt General für rund 4,5 Mrd. $ gekauft. Auf dem deutschen Markt wachsen will auch der amerikanische Verlag Wiley-VCH, Weinheim, der ebenfalls als möglicher Käufer gehandelt wird.

Sollten sich die Verkaufsabsichten in Gütersloh konkretisieren, signalisiert auch Rolf Grisebach, Holding-Geschäftsführer der deutschen Wissenschaftsverlage der Verlagsgruppe Georg v. Holtzbrinck grundsätzliches Interesse zumindest an Teilen des Unternehmens: "Holtzbrinck hat aktives Interesse insbesondere am wissenschaftlichen Bereich. Wir würden uns das auf jeden Fall anschauen," so Grisebach, "Allerdings lassen wir uns traditionell auf keine Bietergefechte ein."

Quelle: Handelsblatt

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