Verkaufsempfehlungen zählen zu den Ausnahmen in der City - Erste Anzeichen einer Sensibilisierung der Banken
Londoner Analysten geraten zunehmend auch im eigenen Lager in die Kritik

"Die Aktienanalysten der großen US-Investmentbanken dürfen keine Verkaufsempfehlungen von Unternehmen herausgeben, mit denen die Bank noch große Deals machen will." Der Vorwurf wiegt schwer, den Philip Townsend erhebt, obwohl er selbst Mitglied der in die Kritik geratenen Analystengilde ist. "Sie machen keine orginäre Untersuchung vom Unternehmen, sondern verlassen sich auf die Aussagen des Managements", ergänzt er. Die Stimme von Philip Townsend, beschäftigt bei der unabhängigen US-Privatbank Arnhold & S. Bleichroeder, ist hörbar erregt, als er sich seine Kollegen auslässt.

27.03.2001 LONDON. Er steht mit seiner Meinung nicht allein: Paul Myners, Gründer und Chairman der bekannten britischen Fondsgesellschaft Gartmore Investment Management, empfiehlt seinen Kollegen sogar, eigene Analystenteams aufzubauen. Die Fonds werfen den Banken vor, sie bewerteten Aktien, die sie selber an die Börse begleiteten, zu gut und würden sich damit beim Emittenten für neue Geschäfte empfehlen; zudem würden die Unternehmen hinter den Kulissen die Richtung der Analysen vorgeben und auf diese Weise positive Erwartungen für ihre eigene Aktie schüren.

Angesichts dieser Vorwürfe erstaunt es wenig, dass trotz des Kursdesasters bei Telekom -, Medien- und Technologieaktien (TMT) klare Verkaufsempfehlungen in London Mangelware sind. Oft lauten die Analysten-Empfehlungen für Aktien, die von den eigenen Häuser an die Börse begleitet wurden, "Starker Kauf" und bewegen sich nach Kursstürzen um bis zu 90% allenfalls in Richtung "Neutral" oder "Marktperformer", selten auch "Untergewichten". Fast nie wird der Verkauf empfohlen. Nach einer Untersuchung des Finanzinformationsdienstes First Call stehen 1 185 britischen Aktien nicht einmal 20 Verkaufstipps gegenüber.

Einige exemplarische Beispiele zeigen die krassen Fehlurteile der Analysten: Die Aktie von Interactive Investor, eines Internet-Informationsdienstes, brach seit der Börseneinführung (IPO) Anfang 1999 mit 150 Pence um 83 % ein. Der einzige Rat, den des damaligen Emissionsführer CSFB seitdem den Anlegern erteilt hat, lautet "Kaufen" - beim Aktienkurs von 198,5 ebenso wie bei 68 Pence. Andere Analysten bewerteten anfangs die Aktie ebenfalls mit "Kaufen", drehten sich im November aber in Richtung "Verkaufen". Nur das CSFB-Analyseteam von Marc Rubinstein blieb brav bei seinem Kauf-Urteil. Das galt auch noch im Februar, als die Aktie bei 26 Pence angelangt war. Im Moment liegt sie bei 24 Pence auf, der Kauf-Tipp hat Bestand.

Die Fehlanalyse muss Rubinstein bis ins Mark getroffen haben. Er wechselt gerade den Sektor und betreut für CSFB künftig die Banken, wie Sprecher Jan Vonder Muehll erklärte. Vonder Muehll hebt hervor, dass CSFB für 2000 "von der britischen Zeitschrift Institutionell Investor in einer Umfrage unter Fondsmanagern zum besten Analysehaus gekürt" wurde. Ebenso wie CSFB wollte oder konnte sich Emissionsführer ABN Amro nicht von seinem "Buy" für seine Schützlinge Virtual Internet und Teamtalk trennen. Bereits das späte "Add" (dazukaufen) muss den Amro-Analysten schwer aus der Feder geflossen sein. Die beiden Aktien zählen zu den größten IPO-Katastrophen an der Londoner Börse der vergangenen zwei Jahre. Sie liegen mittlerweile um fast 90% und gut 80% im Minus.

Auch an den Kauf-Empfehlungen von Goldman Sachs erhitzen sich nach dem (Kurs-)Fall von Thus (-73%) die Gemüter. Die Analysten von Morgan Stanley Dean Witter waren im letzten November von der ersten Gewinnwarnung ihrer im Januar 1999 an den Kapitalmarkt eingeführten Technologie-Firma Future Network so entsetzt, dass sie die Bewertung sofort herunternahmen, auf "Outperformer" von "Strong buy". Die Anleger drückten kräftiger auf die Bremse: Die Aktie halbierte sich fast von 490 auf 260 Pence. Letztlich hat der Wert den Markt dann doch noch "Outperformed", auf nunmehr 93 Pence. Die Liste schlechter Kauf-Tipps lässt sich fortführen.

Aufschrei in der City

Der Aufschrei in der City war dieser Tage groß, als bekannt wurde, dass JP Morgan mit neuen Regeln seinen Analysten zumutet, vor einer Empfehlungsänderung das Unternehmen selbst und den die Firma betreuenden Banker zu informieren. Natürlich betont Michael Golden von JP Morgan weiter die Unabhängigkeit der Analysten, auf der "die Integrität" beruhe. Niemals würde ein Analyst seine Empfehlung nach den Wunsch eines Kunden oder des Bankers ausrichten, der den Kunden betreut. Zweifel bleiben. Was JP Morgan jetzt mit einem offiziellen Stempel versehen hat, soll bei vielen Investmentbanken üblich sein, heißt es in der City.

Aber es gibt erste Anzeichen einer Sensibilisierung der Banken: Merrill Lynch gibt nach einer Meldung von Bloomberg seinen Analysten nun Hilfestellungen in Sachen Herabstufungen. Es sollen psychologische Barrieren überwunden und eine Verschlechterung der Aktienbeurteilung den Unternehmen diplomatisch beigebracht werden.

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