Verkehr
Totale Kontrolle

Das Mautsystem für Lkw kassiert nicht nur Geld, es überwacht und lenkt auch den Verkehr. Und High Tech vom Feinsten erlaubt es, die Straßengebühr einfach und effizient einzutreiben. Müssen bald auch Pkw-Fahrer bezahlen?
  • 0

DÜSSELDORF. Der Euro rollt, sobald der 40-Tonnen-Diesel in Hamburg auf die Autobahn nach Süden fährt. In der Hansestadt bucht sich der Lastwagen per Funk automatisch ins Mautsystem ein. Der Zähler läuft. 17 Cent pro Kilometer. In Österreich herrscht dann Funkstille. Kassiert wird trotzdem. Der Brummifahrer muss eine Vignette kaufen - liebevoll Pickerl genannt - , damit er über den Brenner kommt. In Italien stehen dann Mauthäuschen an der Autobahn. Dort sind zwölf Cent pro Kilometer fällig. Von Hamburg nach Rom durchqueren Trucker nicht nur drei Länder, sondern haben auch mit drei verschiedenen Mautsystemen zu kämpfen.

Ab Herbst 2003 jedenfalls. Dann müssen Spediteure auch in Deutschland für jeden gefahrenen Autobahnkilometer zahlen - statt wie bisher eine Jahresgebühr zu entrichten. Kassenhäuschen oder Vignetten wird es nicht geben. Das deutsche Mautsystem namens Toll Collect - gebaut und betrieben von einem Konsortium aus Deutscher Telekom, DaimlerChrysler und der französischen Cofiroute - vereint Satellitenortung und Mobilfunk zur Berechnung der Gebühren. "Deutschland wird mit der automatischen Erhebung der Maut eine Vorreiterrolle in Europa und weltweit einnehmen", sagt Verkehrsminister Kurt Bodewig. Doch das eine Milliarde Euro teure System kann noch mehr: zum Beispiel die Auslastung ganzer Lastwagenflotten steuern, den Verkehr regulieren oder Fahrzeuge durch gestaffelte Gebühren auf wenig befahrene Strecken locken.

LKW-Verkehr soll um 64 Prozent steigen

Bis zum Jahre 2015 wird der Lkw-Verkehr auf den Autobahnen um 64 Prozent steigen. Die Menge der transportierten Güter soll nach Berechung des Basler Prognos-Institutes von heute 361 Milliarden auf 500 Milliarden Tonnenkilometer steigen. Bereits heute werden 72,2 Prozent aller Güter über die Straße bewegt. 1,5 Millionen Lastwagen sind jährlich in Deutschland unterwegs. Und jeder dieser Trucks verursacht nach Schätzung des Umweltbundesamtes pro gefahrenen Kilometer ökologische Schäden von bis zu 14 Cent.

Das Geld will sich der Bund jetzt teilweise zurückholen. Das deutsche Mautsystem ermöglicht eine kilometergenaue Abrechnung. Für alle Lastwagen ab zwölf Tonnen Gewicht muss gezahlt werden. Verkehrsminister Bodewig kassiert von den Brummifahrern zwischen 10 und 17 Cent je Kilometer, je nach Achszahl und Schadstoffklasse. Rund 3,4 Milliarden Euro will der Bund mit der Autobahngebühr jährlich einnehmen. Damit sich ein Lastwagen automatisch einbuchen kann, wird im Fahrerhaus eine Bordeinheit installiert, die 300 bis 400 Euro kosten soll. Die Bundesregierung will den Spediteuren gegen Pfand 100000 dieser Geräte zur Verfügung stellen.

Mautpreller sollen keine Chance haben. Denn an Brücken werden Geschwindigkeitsmesser, Kameras, ein Funkempfänger und Lesegeräte (Scanner) angebracht. Wenn die Bordeinheit des Lkw sich nicht anmeldet, wird das Kennzeichen des Lkw fotografiert und im Zentralrechner automatisch überprüft. Wenn es nicht registriert ist, schlägt der Rechner Alarm. Tausend neue Kontrolleure sollen die Autobahnen zusätzlich überwachen. Auch deshalb liegen die Unterhaltskosten des Toll Collect Systems hoch: "Immerhin 700 Millionen Euro sind dafür pro Jahr veranschlagt", wundert sich Jürgen Albrecht, Referent für Verkehrspolitik beim ADAC. Ein Teil davon kommt vielleicht wieder herein: Schwarzfahrer müssen mit Strafen von 20 000 Euro rechnen.

ADAC: LKW-Maut soll nur Testlauf sein

Nicht nur der ADAC vermutet, dass es sich bei der Maut für Lkw um einen Testlauf handelt. "Die aufwendige Technik macht nur Sinn, wenn irgendwann auch Pkw-Fahrer zur Kasse gebeten werden", fürchtet Albrecht. Auch die durchschnittlich 15 Cent pro Kilometer sind dann eher als Einstiegspreis zu betrachten, zumal Nachbarländer wie die Schweiz mehr Maut verlangen.

Das System taugt nicht nur zum Einsammeln des Wegezolls. Es hilft auch dem Spediteur. Er plant Fahrtrouten metergenau, vergibt neue Aufträge direkt in einzelne Fahrzeuge und vermeidet so teure Leerfahrten. Dank der exakten Ortung bleiben weder Pinkelpausen noch verbotene Umwege geheim.

Die totale Kontrolle der Fahrer ist genauso möglich wie die flächendeckende Überwachung des Straßenverkehrs. Nur eines klappt nicht: Die Mautsysteme in Europa zu harmonisieren. Europa ist ein Flickenteppich der Bezahlsysteme. In Italien und Frankreich wird an Wegehäuschen gezahlt. Die Österreicher haben Videokameras installiert, die Vignetten identifizieren, um Schwarzfahrer zu erwischen. Die Schweiz wiederum arbeitet mit Funkmasten, die mit einem Gerät im Lastwagen Kontakt aufnehmen. Das speichert auf einer Chipkarte die Kilometerstände. Die verschlüsselten Daten auf dem Chip werden regelmäßig an ein Abrechnungszentrum übermittelt.

Im deutschen System sind immerhin Schnittstellen vorgesehen, um das System kompatibel zu machen, damit international agierende Brummifahrer nicht zehn verschiedene Bordeinheiten ins Führerhaus einbauen müssen. Doch insgeheim erwarten die Deutschen etwas anderes. Eine Sprecherin von DaimlerChrysler: "Wir haben das beste System, die anderen Länder sollten es übernehmen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%