Verlagerung ins Ausland
Kanzler wirft Industrie fehlenden Patriotismus vor

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat den Präsidenten des Deutschen Industrie-Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, wegen seiner Äußerungen im Tagesspiegel zur Verlagerung von Arbeitsplätzen kritisiert. "Das ist ein unpatriotischer Akt", sagte Regierungssprecher Bela Anda.

Dies habe Schröder intern klar gemacht. "Das ist eine rein betriebswirtschaftliche Sichtweise." Auch die Industrie stehe in der Pflicht gegenüber dem Gemeinwohl. Braun hatte deutsche Unternehmen aufgerufen, nicht auf eine bessere Politik im Land warten, sondern ihre Chancen etwa in Osteuropa suchen.

Unterstützung erhielt Braun dagegen von dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski. Der BDI-Chef sieht in der Forderung Brauns keinen unpatriotischen Akt. "Leider ist es ja längst eine Tatsache, dass viele deutsche Unternehmen verstärkt mit ihrer Produktion ins Ausland gehen. Nur auf diese Weise können sie ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten und die verbleibenden Arbeitsplätze in Deutschland sichern." IBM-Deutschland-Chef Walter Raizner sagte der "Financial Times Deutschland", der Informationstechnik-Branche in Deutschland gingen jeden Monat Tausende Arbeitsplätze durch Verlagerung ins Ausland verloren.

10 000 Jobs bei Siemens in Gefahr

Unterdessen berichtet die IG Metall, dass die Pläne des Siemens-Konzerns zur Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Deutschland weit umfangreicher sein sollen, als bislang bekannt. Nach Einschätzung der Gewerkschaft sind in Deutschland mehr als 10.000 Stellen von der Verlagerung nach Mittel- und Osteuropa sowie nach Asien bedroht. Der Abzug soll angeblich in den kommenden zwölf Monaten erfolgen. "Erstmals sind in großem Umfang qualifizierte Tätigkeiten in der Entwicklung und in der Konzernverwaltung betroffen, die bisher als relativ sicher galten", teilte die IG Metall in München mit. Auch andere Hochlohnstandorte wie die USA oder Österreich seien betroffen. Die Pläne sollen am kommenden Donnerstag zwischen Siemens-Management und den Arbeitnehmervertretern - Gewerkschaft und Gesamtbetriebsrat - diskutiert werden. Ein Konzernsprecher wollte zu den Zahlen keine Stellung nehmen.

Nach Angaben von IG-Metall-Vertreter Wolfgang Müller, der auch im Siemens-Aufsichtsrat sitzt, will der Konzern die Gehälter in Deutschland um bis zu 30 Prozent drücken. Zum einen soll die Arbeitszeit von 35 auf 40 Wochenstunden verlängert werden. Gleichzeitig soll das Weihnachts- und Urlaubsgeld ganz oder teilweise gestrichen werden. Auch der Samstag als zuschlagsfreier Arbeitstag soll wieder eingeführt werden. In Arbeitnehmerkreisen ist bereits von Erpressung durch Siemens die Rede.

Quelle: Der Tagesspiegel Nr. 18427 vom 23.03.2004 S. 015

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