Verleger des größten Schweizer Medienunternehmens
Michael Ringier: Totalschaden auf dem Boulevard

Mit der "Borer-Affäre" wollte der Schweizer Medienzar seinen "Zürcher Sonntagsblick" schmücken. Statt dessen stürzte ihn der Boulevard-Journalismus in die Krise seines Lebens.

GENF. Im Leben des Michael Ringier fielen viele solcher Sätze, an die er sich heute nur noch mit Bitterkeit erinnert. "Im riesigen Deutschland gibt es viel mehr Journalisten und entsprechend mehr gute Journalisten." Als der Medienzar diese Gleichung aufstellte, beherrschte er noch absolut den Boulevard der Schweiz, Thomas Borer und Shawne Fielding regierten frivol die Partyszene Berlins, und in Deutschland wurde der Zürcher "SonntagsBlick" mit einem Grinsen zur Kenntnis genommen - wenn überhaupt. Jetzt steckt Ringier in der Krise seines Lebens. Das naive Vertrauen des Verlegers in deutsche Journalisten wurde ihm zum Verhängnis.

Zunächst Mathias Nolte. Mal war er Vize-Chef des Herrenmagazins "Penthouse", mal erlebte er den Flop "Tango" von Gruner + Jahr. Ringiers "SonntagsBlick" heuerte ihn an, der Deutsche wurde Chefredakteur. Dann Ralph Grosse-Bley. "Bild-Zeitung". Unter Nolte der zweite Mann beim "SonntagsBlick". Und Alexandra Würzbach. Die Frau von Grosse-Bley. Berlin war ihr Revier, als Ringier-Korrespondentin wurde sie auf Botschafter Borer angesetzt. Das deutsche Trio hob die Schmuddelgeschichte um den Diplomaten ins Blatt, Michael Ringier kettete seine Glaubwürdigkeit an die eskalierende Kampagne, wollte seinen Chefredakteur bis "zuletzt verteidigen, ... weil wir gute Argumente haben" und saß schließlich auf dem Beifahrersitz, als die Nolte-Crew den "Totalschaden auf dem Ringier-Boulevard" ("Neue Zürcher Zeitung") fabrizierte.

Öffentliche Abbitte

Ringier musste öffentlich bei Borer Abbitte leisten. Und er muss zahlen - eine Schmach. "Am meisten macht mich betroffen, dass es um unsere Reputation geht", sagt Ringier. "Das macht mir viel mehr Sorgen als der materielle Aspekt." Dass der deutsche Boulevard gnadenloser operiert als der schweizerische, hätte Ringier wissen müssen. Schon der Ex-Chefredakteur des Ringierblattes "Blick", Peter Uebersax, warnte: "Die Deutschen sind sicher etwas rüder und skrupelloser als wir." Die forschen Mitarbeiter aus dem "großen Kanton" rissen offenbar auch Michael Ringier mit. "Blick und SonntagsBlick sind die Medien der Schweiz, die wirklich etwas bewegen können", tönte der Verleger. "Wir haben die Meinungsführerschaft in diesem Land."

Zwar kontrolliert der 53-Jährige immer noch die beiden auflagenstärksten Zeitungen der Alpenrepublik, das Prestige haben aber die anderen. Etwa die "Neue Zürcher Zeitung", die sonore Stimme des Establishments. Oder die "Weltwoche", seit jeher das Blatt der Intellektuellen. Das tut Ringier immer noch weh. Zu Beginn des Jahres wollte er sich mit der Wochenschrift schmücken, im Zuge des Kaufs dozierte der Blick-Boss, die "Weltwoche" müsse intellektuell sicher noch "zulegen". Aber der Deal platzte, und die Mannschaft der "Weltwoche" atmete tief durch.

Journalistische Ausbildung in Deutschland

Wollte Ringier ein schweizerischer Augstein, Bucerius oder Springer werden? In den siebziger Jahren ließ sich der Verlagserbe bei der "Münchner Abendzeitung" ausbilden, wurde Trainee bei Bauer in Hamburg, versuchte sich beim "Stern", schaffte es bis zum Ressortleiter beim Kölner Wirtschaftsmagazin "Impulse".

Bald nach seiner Rückkehr in die Schweiz verfiel Ringier dem Charme eines machthungrigen Aufsteigers: Frank A. Meyer. "FAM", so das interne Kürzel. Er stieg zu einer Art Chefpublizist im Hause seines Gönners auf und sichert seitdem den Boulevard durch Kolumnen und Aussagen wie diese moralisch ab: "Ich bewege mich in der Tradition der Aufklärer". Von der eigenen Genialität zutiefst überzeugt, soll Meyer seinen Patron von der Notwendigkeit deutscher Härte überzeugt haben.

Inzwischen hat Verleger Ringier gelernt. Sichtbar zerknirscht verkündete er am vorvergangenen Sonntag das Scheitern des deutschen Experiments: "Die Frage, ob an der Spitze von großen und populären Zeitungen wie ,Blick? und ,SonntagsBlick? ein Deutscher stehen kann, beurteilen wir heute anders als vor ein paar Tagen."

Vita

Verlagserbe Michael Ringier wurde 1949 in der Schweiz geboren und begann nach dem Studium in St. Gallen seine Journalistenausbildung bei der "Münchner Abendzeitung". Von 1976 an durchlief er das Traineeprogramm beim Bauer Verlag. Ab 1980 arbeitete er drei Jahre lang als Ressortleiter beim Wirtschaftsmagazin "Impulse", bis er in die Unternehmensleitung der Ringier AG einstieg. Seit 1990 ist er dort Präsident des Verwaltungsrates.

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