Verleger Florian Langenscheidt ist mit im Boot
Camgaroo: Der zweite Start

Gabriele Lechner ist vielen gescheiterten Dotcom-Gründer einen Schritt voraus: Nach dem Aus ihrer ersten Firma wagte sie einen neuen Anfang - mit Erfolg.

Sie erinnern sich doch noch an den Amiga?", fragt Gabriele Lechner vorsichtshalber, als sie ein etwas in die Jahre gekommenes Buch hinter ihrem Schreibtisch hervorkramt. Aus der heutigen Dotcom-Generation kennen nur noch wenige den in den 80er Jahren extrem populären Heimcomputer von Commodore. Für Lechner dagegen war der Amiga nicht nur ein Rechner - er war der Beginn ihrer Karriere als Unternehmerin. Weil ihr damaliger Verleger ein von ihr geschriebenes Buch über den Amiga nur sehr zögerlich in sein Programm aufnehmen wollte, gründete sie über Nacht ihren eigenen Verlag.

Das war 1987. Den Gabriele-Lechner-Verlag für Computer-Literatur gibt es längst nicht mehr. Doch die 39-Jährige hat sich nicht entmutigen lassen und den Schritt gewagt, vor dem viele Dotcom-Gründer in diesen Wochen stehen: Nach dem Aus des ersten Unternehmens gründete sie ein zweites. Erst war Camgaroo nur eine Web-Werbeagentur, inzwischen gehört auch ein Internet-Portal mit eigener Zeitschrift für digitale Videoproduktionen dazu. Ein Dutzend Mitarbeiter arbeitet inzwischen für Lechner.

500 DM mussten für den Start reichen

Die mit Risikokapital überschütteten Ex-Unternehmensberater, die sich mit Internet-Startups in den vergangenen zwei Jahren selbstständig machten, würden wohl nur den Kopf schütteln, wenn Lechner von den ersten Schritten ihrer Firma berichtet: Mit 500 DM in der Tasche und ihren drei und vier Jahre alten Söhnen auf dem Rücksitz ihrer Ente verließ die junge Mutter 1986 ihren Mann und die Allgäuer Heimat. Als Lehrerin einer Informatik-Schule sorgte Lechner fortan in München für sich und ihren Nachwuchs: "Am Anfang haben die beiden noch im Nebenraum gespielt, solange ich unterrichtet habe."

Die IT-Expertin stand allerdings nicht lange an der Tafel. Mit ihrem eigenen Verlag ging es schnell aufwärts. "Zwischen 1987 und 1993 haben wir fast 80 Bücher, CDs und Disketten heraus gebracht", erinnert sich die Unternehmerin. "Tagsüber hab ich die Bücher verkauft und nachts geschrieben."

Die Erfolgsstory fand ein jähes Ende: Als der Amiga-Hersteller Commodore pleite ging, "war das ein echtes Problem": Fast das gesamte Verlagsprogramm war auf den Heimcomputer ausgerichtet. Also zog Lechner "die Bremse", hat "total umstrukturiert" und die "ersten Schritte ins Internet gewagt". Es war das Ende des Verlags und der Startschuss ihrer Online-Werbeagentur. Seither bringt Lechner Firmen ins Netz und hat viele "Ausschreibungen gegen Große gewonnen." Gleich ihr erster Auftraggeber war eine gute Münchner Adresse: die Bayerische Hausbau AG - einer der größten Bauträger in Bayern.

Werbe-Geschäft war nur der Anfang

Mit dem Werbe-Geschäft gab sich die sportbegeisterte Frau freilich nicht zufrieden. "Als das so richtig gut lief, dachte ich mir, dass es Zeit ist, was Neues zu machen", erklärt sie die Gründung von Camgaroo im vergangenen Jahr.

Camgaroo ist eine Internet-Community, das heißt eine Reihe von Seiten im Internet, auf denen sich die Fans digitaler Videoproduktionen austauschen können und Angebote finden. Alleine aufs Netz wollte Lechner allerdings nicht vertrauen, "weil man das Neue mit einer alten Idee kombinieren muss." Deshalb gibt es die virtuelle Gemeinschaft auch als Zeitschrift. Das bunte Hochglanzblatt kommt jeden zweiten Monat in die Kioske. Darüber hinaus bietet Lechner Firmen auch digitale Videoproduktionen für die Werbung an.

Für die Bayerin ist nicht nur die Zeitschriftenproduktion neu: Zum ersten Mal hat sie sich für die neu gegründete Camgaroo AG auch einige vermögende Partner ins Boot geholt, darunter den Verleger Florian Langenscheidt. "Das ist sehr mühsam mit den vielen Leuten", scheint sie schon nach wenigen Monaten die Entscheidung etwas zu bedauern, nicht mehr ganz allein entscheiden zu können.

Denn die Selbstständigkeit genießt sie, daran lässt die Allgäuerin keinen Zweifel. Weil sie sich ihre Zeit selbst habe einteilen können, sei auch die Erziehung ihrer beiden Söhne nie ein Problem gewesen. "Das ist alles Organisationssache", sagt sie selbstsicher. "Früher bin ich immer mittags heim gefahren und habe gekocht."

Börsengang nicht ausgeschlossen

Auch wenn Lechner mit ihrem Allgäuer Akzent und ihrem bunten Büro nicht den Eindruck einer kühlen, berechnenden Managerin hinterlässt: Die Frau weiß, was sie will. So ließ sie sich auch nicht davon abbringen, eine Zeitschrift herauszubringen, als sie der Boss eines großen Verlagshauses warnte: "Der hat gesagt, da brauchen Sie eine Million, um die Zeitschrift auf den Markt zu werfen." Ihre Reaktion: "Das kann ich auch anders." Mit Erfolg: Schon die dritte Ausgabe soll die Kosten wieder einspielen. Und wenn alles gut läuft, kann sich Lechner auch einen Börsengang vorstellen.

Von Aufsichtsrat und Aktionären wird sie sich aber gewiss nicht allzu viel in ihr Geschäft hineinreden lassen. "Ich will mich nicht selbst verkaufen", warnt sie vorsorglich alle Investoren. Irgendwie reizt es Lechner aber schon "mal etwas Größeres aufzubauen". Und dazu, das weiß sie genau, braucht sie fremdes Geld.

Wie sich das möglichst ohne Einmischung von außen zusammen bringen lässt, wird sich Lechner wohl auf einer ihrer Touren in die ruhige Heimat im Allgäu ausdenken. "Ich liebe die Berge", gesteht sie und findet es prima, das sie als Selbstständige selbst entscheiden kann, wann sie sich zum Wandern oder Skifahren aufmacht.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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