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Verletzter Stolz und offene Wunden

Tim Wiese hielt nichts mehr im Tor und auch nichts mehr im Strafraum. Der deutsche Torhüter rannte einfach los, quer über den Fußballplatz, schreiend, mit erhobenen Armen. Von da an begann der Krawall.

Es geschah am Dienstagabend kurz nach 22.20 Uhr, in Istanbul, Saracoglu-Stadion. Die Spieler der deutschen U-21-Nationalmannschaft hatten in der Nachspielzeit den Ausgleich geschossen, das 1:1 gegen die Türkei. Alle jubelten, und Tim Wiese, der Torhüter, rannte quer über den Platz zum Torschützen Benjamin Auer. Während er lief, hob er die Arme. Seht her! sollte das heißen. Wir haben es geschafft, wir sind bei der Fußball-Europameisterschaft - und ihr nicht!

Die Situation eskalierte. Erst rannte der türkische Ersatzspieler Beyhan Sümer auf den Platz und attackierte den Torhüter. "Ich weiß, dass das nicht richtig war", sagte Sümer am Tag danach. Aber die Gesten von Wiese seien "sehr frech" gewesen, "ich konnte mich nicht mehr beherrschen".

Als Sekunden später Schiedsrichter Michael Benes abpfiff, rannten die Spieler in die Kabine. Hans Florin, der Sicherheitschef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), erzählt, was sich im Stadion abspielte: "Die Zuschauer schmissen Feuerzeuge und Plastikflaschen auf uns, sogar Handys." Die Polizisten hoben deshalb ihre Schutzschilde, doch dann sollen auch sie auf die deutschen Nachwuchsspieler eingeprügelt haben.

Die Bilanz sah am Abend so aus: Der Schiedsrichter lag nach dem Abpfiff mit einer Kopfplatzwunde in seiner Kabine, die genäht werden musste. Dem deutschen Abwehrspieler Maik Franz wurde ein Funkgerät über den Kopf geschlagen, so dass er eine Risswunde am Ohr erlitt. Benjamin Auer wurde von einem Polizisten im Kabinengang getreten und der Dolmetscher "mit einem Faustschlag" (Florin) niedergestreckt. "Das war kein Fußballspiel, das war Krieg", sagte Trainer Ulli Stielike.

Nach dem Abpfiff hatte er einem türkischen Fernsehsender ein Interview gegeben. "Wir geben zwei Millionen Menschen aus der Türkei Arbeit", hatte Stielike auf unterstem Stammtischniveau herausposaunt. Da sei es nicht zu viel verlangt, dass türkische Fans beim Abspielen der deutschen Nationalhymne Ruhe bewahren. Dem deutschen Trainer warf der Präsident des türkischen Fußball-Verbandes, Haluk Ulusoy, daraufhin Rassismus vor. "Ich glaube, ihm ist rausgerutscht, was er im Innersten fühlt." Und der türkische Trainer Rasit Cetiner sagte, Stielike rede nicht wie ein Fußballtrainer, "sondern wie ein Politiker".

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