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Verliebt ins Handy

11,6 Millionen Teilnehmer melden die drei griechischen Mobilfunk-Netzbetreiber. Das sind eine halbe Million mehr als das Land überhaupt Einwohner hat, vom Baby bis zum Greis. Ich glaube den Netzbetreibern ihre Zahlen aufs Wort.

11,6 Millionen Teilnehmer melden die drei griechischen Mobilfunk-Netzbetreiber. Das sind eine halbe Million mehr als das Land überhaupt Einwohner hat, vom Baby bis zum Greis. Ich glaube den Netzbetreibern ihre Zahlen aufs Wort. Überall in Griechenland ist man ständig von penetrantem Klingeltongedudel und telefonierenden Menschen umgeben. Statistisch müssen viele Hellenen bereits in jeder Hand ein Handy haben. Mein Freund Christos trägt ständig drei mit sich herum. Er arbeitet im Pressebüro eines hochrangigen Regierungsmitgliedes. Auf einem Handy rufen ihn die Journalisten an. Auf dem zweiten seine Familie und seine Freunde. Und wenn das dritte klingelt, ist es "wirklich was Wichtiges", erklärt Christos vielsagend. Wenn wir uns auf einen Kaffee am Kolonakiplatz treffen, legt Christos die drei Handys nebeneinander auf den Tisch. Das Journalisten-Handy klingelt fast ständig, aber Christos geht nach einem kurzen Blick aufs Display meist gar nicht dran. Das Fa milien- und Freunde-Handy klingelt weniger häufig. Das dritte, das wichtige Handy, hat in meinem Beisein bisher nur einmal geklingelt. Danach musste Christos ganz schnell weg.

Ich bin froh, dass der Taxifahrer, mit dem ich gestern abend unterwegs war, nur ein Handy hatte: die rechte Hand am Lenkrad und am Schalthebel (keine Automatik), eine Zigarette im Mundwinkel und in der Linken das Telefon, in dessen Tastatur er während der Fahrt endlose SMS eingab. Unstet wechselte sein Blick ständig zwischen dem Handy-Display und dem chaotischen Verkehrsgeschehen. Nach einem Kilometer habe ich ihn ziemlich ultimativ aufgefordert, das Handy wegzulegen. Das fiel ihm sichtlich schwer.

Vor allem unter der griechischen Jugend grassiert die Volkskrankheit Telefonitis. "Ich liebe mein Handy", gab jetzt eine 13-jährige Schülerin aus dem Athener Küstenvorort Alimos zu Protokoll, "ohne das Mobiltelefon könnte ich nicht leben". So fühlen viele junge Griechen. Eine jetzt veröffentlichte Studie der Athener Wirtschaftsuniversität kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. In der Altersgruppe der Zwölf- bis 14-Jährigen haben bereits 47 Prozent ein Handy. unter den 15- bis 18-Jährigen sind es 96 Prozent und unter den 19- bis 22-Jährigen 99 Prozent.

Befragt wurden für die Untersuchung tausend Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 22. Besonders die jungen Griechinnen scheinen dem Handy verfallen. "Wenn ich ohne Mobiltelefon aus dem Haus gehe, komme ich mir merkwürdig vor", sagt eine 14-jährige Athener Schülerin. "Ich fühle mich dann wie auf einer einsamen Insel und kann mit niemandem kommunizieren." 63,2 Prozent der befragten Mädchen und 54,5 Prozent der Jungen benutzen überhaupt kein Festnetztelefon mehr sondern nur noch das Handy. Im Durchschnitt beginnt der Grieche im Alter von zehneinhalb Jahren mit dem Mobiltelefonieren.

62 Prozent der Schüler nehmen das Handy mit in die Klasse, 30 Prozent benutzen es nach eigenen Angaben auch während des Unterrichts. Häufigste Nutzungen in der Klasse: SMS senden und empfangen, Download von Klingeltönen und Musikhören. Auch Foto-, Video- und Tonaufnahmen sind beliebt. Ein 14-jähriger Schüler aus Chania auf Kreta erklärt: "Wir nehmen die Lehrer während des Unterrichts auf, spielen die Aufnahmen dann in der Pause ab und lachen uns kaputt!"

Die Handy-Sucht geht ins (Taschen-) Geld. "Meine erste Rechnung war 80 Euro", berichtet ein Zwölfjähriger aus Keratsini bei Athen. "Dann habe ich die Maria kennengelernt. Die zweite Rechnung war 450 Euro und die dritte 750. Jetzt telefoniere ich mit Prepaid-Karten".

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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