Verlust einer Aktentasche
Hintergrund: Logbuch einer Reise der Opposition

Unter Umständen hätten die Mallorca-Flüge von Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) nicht jene politische Bedeutung erreicht, wenn die Flugbereitschaft der Bundeswehr die Spitze der Unionsfraktion am Donnerstag vergangener Woche nicht ahnungslos auf dem Flughafen der Kosovo-Hauptstadt hätte stehen lassen.

dpa BERLIN. CDU-/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz und sein Stellvertreter, der CSU-Landesgruppenvorsitzende Michael Glos, hatten die für den Mazedonien-Einsatz vorgesehenen deutschen Soldaten in Mazedonien und Kosovo besucht. Transportmittel: Eine Bundeswehr-Challenger.

Als die Reisegruppe am Donnerstagabend von Pristina nach Berlin zurück fliegen wollte, war der Jet weg - mit ihm war Scharping von Skopje abgeflogen, ohne seine Parlamentskollegen über den Wechsel im Flugplan unterrichten zu lassen. Eine "Informationspanne" - so das Ministerbüro am Freitag in Berlin. Erst zu diesem Zeitpunkt begannen die Recherchen, wo die Maschine am Donnerstag auf ihrem Weg von Skopje nach Berlin zwischengelandet war. Die Anzahl der Mallorca- Flüge Scharpings und die zeitlichen Abläufe wurden bekannt.

Das Logbuch des Rückflugs und die Kommentare von Merz und Glos auf dem Flughafen von Pristina:

Donnerstag, 17:00 Uhr, Hubschrauberlandeplatz des Kfor-Hauptquartiers in Pristina: Abflug mit einem Bundeswehrhelikopter zu dem nur wenige Flugminuten entfernten Flughafen in Pristina.

17:10 Uhr: Ankunft auf dem Flughafen. Die für den Rückflug nach Berlin vorgesehene Challenger-601 ist nicht da. Ratlosigkeit.

17:20 Uhr: Ein Oberfeldwebel der Bundesluftwaffe informiert Merz und Glos auf dem Rollfeld, dass der Jet in die mazedonische Hauptstadt zurück beordert wurde.

17:22 Uhr: Merz: "Das ist eine unglaubliche Frechheit Scharpings. Er hätte uns wenigstens informieren können. Meine private Aktentasche mit Papieren und dem Termin-Kalender ist zu allem Überfluss auch in der Maschine." Glos-Kommentar: "Selbst Flugpläne können die Sozis nicht einhalten. Wieso braucht der Scharping eigentlich unsere Maschine?" Glos (lächelnd): "Du, Friedrich, hoffentlich hast Du keine Geheimpapiere in der Tasche."

17:24 Uhr: Merz: "Ich lass mich von dem" - gemeint ist Scharping - "doch nicht verarschen." Glos: "Das ist eine unglaubliche Selbstgerechtkeit, wie Scharping mit Kollegen umgeht." Merz: "Der benimmt sich wie ein Parvenü." (Emporkömmling)

17:30 Uhr: Vorgesehener Abflug der Reisegruppe, zu der Sicherheitsleute, Referenten, ein Luftwaffenoberst, vier Journalisten, ein ZDF-Kamerateam und ein Fotograf gehören, insgesamt 14 Personen. Der Luftwaffenoberfeldwebel sprintet über das Rollfeld: "Meine Herren, für Sie ist ein Airbus der Flugbereitschaft aus Deutschland nach Pristina unterwegs." Frage: "Wo fliegt die Challenger, mit der wir nach Berlin fliegen wollten, eigentlich hin?" Der Oberfeldwebel: "Das weiß ich nicht, die Maschine ist zur Landung in Berlin-Tegel gegen 01:10 vorgesehen. Ihr Airbus kommt gegen 18:00."

17:30 bis 18:00 Uhr: Warten auf dem Rollfeld, geschäftiges Treiben der Bundeswehr-Soldaten. Merz und Glos: "Das lassen wir uns nicht bieten, das wird ein Nachspiel haben." "Der hätten uns doch Bescheid geben können."

Kurz nach 18:00 Uhr: Der Luftwaffen-Airbus "Theodor Heuss" - die Maschine, mit der normalerweise Bundespräsident Johannes Rau zu Staatsbesuchen ins Ausland fliegt - setzt auf dem Flughafen in Pristina auf. Der Pilot - ein Luftwaffen-Major - erläutert Glos und Merz die Route nach Berlin und den Zeitplan. Den beiden Politikern wird klar, dass sie in Berlin ihre Flüge nach Paderborn-Lippstadt (Merz) und nach München (Glos) streichen müssen.

Gegen 19:00 Uhr: Abflug des Präsidenten-Airbus nach Berlin, aus Sicherheitsgründen komplizierte Rückflug-Route über Griechenland, Süditalien und Österreich. Diskussionen an Bord: "Wo ist Scharping mit dem Flieger hin?" Das Gerücht von Mallorca macht die Runde.

22:05 Uhr: Ankunft in Berlin-Tegel. Verspätung: 90 Minuten. In der Nacht zum Freitag erhält Merz seine Aktentasche zurück.

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