Verluste in Millionenhöhe drohen – Anleger verklagen Banken
Verpackte Anleihen stecken voller Tücken

Eine risikoreiche Anleiheform namens "Repacked Bond" sorgt für Ärger: Anleger stehen vor Verlusten in Millionenhöhe und fühlen sich falsch beraten. Jetzt müssen die Gerichte entscheiden.

FRANKFURT/M. Martin Schulz* (*Name von der Redaktion geändert) traute seinen Augen nicht, als er seinen Kontoauszug sah. Nur 1 400 Euro hatte seine Bank ihm für eine vermeintliche brasilianische Anleihe gutgeschrieben. Dabei hatte der Rentner den 1996 begebenen so genannten Brazil Repackaged Bond vor Jahren für 37 000 DM gekauft. Fällig wäre er eigentlich erst im Jahr 2012. Doch die Anleihe ist im August vorzeitig getilgt worden, und zwar nur zu 8,4 % des Nominalwerts. Wie das passieren konnte, hat dem Anleger seine Hausbank bis heute nicht erklärt. Er ging davon aus, eine Anleihe des Staates Brasilien gekauft zu haben. Wie Schulz ergeht es auch den anderen Investoren - vorwiegend Privatanlegern -, die den Bond über insgesamt 220 Mill. DM gekauft haben und jetzt ratlos dastehen.

Dabei gibt es viele Repackaged Bonds nach demselben Muster. Spezielle Klauseln in den Anleihe-Bedingungen machen eine vorzeitige Kündigung der Bonds zu einem Bruchteil des Nennwerts bis zu einem Totalausfall möglich. Die Verzinsung war aber nur wenig höher als bei normalen brasilianischen Staatspapieren.

Laut Internationalem Währungsfonds wurden seit den 90er Jahren Brady Bonds aus Schwellenländern über mindestens 6,6 Mrd. Dollar zu Repackaged Bonds umgewandelt. Begeben wurden dabei vor allem DM-Anleihen, obwohl die zu Grunde liegenden Bonds meist auf Dollar lauteten.

"Ein Problem ist, dass die Anleger nicht nur eine Anleihe kaufen, sondern entgegen ihrem Willen und Wissen im Endeffekt an einem Devisen-Termin-Geschäft beteiligt wurden", erklärt Hartmut W. Czech. Der Rechtsanwalt aus Bad Zwischenahn hat die Morgan Stanley Bank AG als Konsortialführer einer ähnlichen Emission verklagt. Sollte die Klage abgelehnt werden, will Czech bis zum Bundesgerichtshof (BGH) gehen.

Auch in diesem Fall war die Anleihe von Brazil Repackaged Bonds Ltd. emittiert worden. Das ist eine Tochtergesellschaft von Morgan Stanley, für die die Investmentbank jedoch nicht haften will. Die Emittentin begab eine fest verzinsliche DM-Anleihe, hatte aber von Morgan Stanley auf Dollar lautende Brady-Bonds Brasiliens über 107,9 Mill. Dollar übernommen. Diese Dollar-Anleihen wurden zu dem Bond über 206 Mill. DM umgepackt. Um sich gegen Währungsverluste abzusichern, hatte Brazil Repackaged Ltd. mit Morgan Stanley & Co International Ltd. (MSIL) einen so genannten Swap-Vertrag abgeschlossen. Die DM bzw. der Euro haben seit der Emission der Anleihe 1996 stark an Wert gegenüber dem Dollar verloren. Deshalb stiegen die Kosten für das Währungstauschgeschäft. MSIL kündigte der Emittentin den Swap-Vertrag.

Für einen ähnlichen Swap-Vertrag hätte Brazil Repackaged Ltd. nach Angaben von Morgan Stanley insgesamt inklusive Zinsen und Gebühren über 87 Mill. Dollar zahlen müssen. Das waren mehr als 70 % des Nennwerts der zu Grunde liegenden Dollar-Anleihen und somit laut Prospekt ein Grund, die Anleihe sofort zu tilgen. Die Kosten für die Übernahme des Swap-Vertrags - die aber praktisch wegen der Rückzahlung der Anleihe gar nicht anfielen - , wurden den Anlegern abgezogen. Da ein Teil der Bonds schon plangemäß zum Nennwert von 100 % getilgt war, und das Volumen der Anleihe nur noch 150 Mill. DM betrug, ergab sich eine Rückzahlung von 43 % des Nennwerts. Die Anleger bekamen für ihre Anteilsscheine, die zu 1 000 DM gestückelt waren, gerade mal 220 Euro zurück.

Allein aus diesen beiden Anleihen ergibt sich für die Anleger ein Verlust von über 300 Mill. DM. Gespannt darf man sein, was mit dem bis 2006 laufenden Bond von Brazil Repackaged Ltd. geschieht, der nach dem gleichen Schema funktioniert. Von dieser Anleihe über ursprünglich 250 Mill. DM stehen noch Tilgungen von 143 Mill. DM aus.

Bei dem im August gekündigten Brazil Repackaged Bond lag die Kosten-Grenze für den Swap-Vertrag, welche die Rückzahlung zu 8,4 % auslöste bei 80 %. Auch diese Anleihe war - wie viele andere Repackaged Bonds - in Anteilsscheine von nur 1 000 DM gestückelt. Das macht Czech den Banken zum Vorwurf. Denn diese Summe ziele auf Privatanleger ab. In der Tat liegen die Mindeststückelungen für institutionelle Investoren selten unter 500 000 Dollar, oft sogar höher.

In den Verkaufsprospekten seien die Risiken nicht deutlich genug gemacht worden, lautet der Vorwurf. Die Morgan Stanley Bank AG betont zwar, dass im Emissionsprospekt (Offering Circular) ausdrücklich auf die Risiken hingewiesen werde. Dies gibt es jedoch nur auf englisch, in einem kurzen Werbeprospekt auf deutsch fehlt ein Hinweis.

Der Swap-Vertrag hätte übrigens auch aus verschiedenen anderen Gründen aufgelöst und die Bonds dementsprechend nur zu einem Teil zurückgezahlt werden können. Zum Beispiel, wenn die zu Grunde liegenden Anleihen an einem bestimmten Stichtag zu Kursen unter 60 % notiert hätten.

Neu verpackte bzw. synthetische Ecuador-Bonds wurden auch 1999 gekündigt. Damals gingen die Anleger ganz leer aus. Der Grund: Ecuador hatte die Zinsen auf die zu Grunde liegenden Anleihen zu spät gezahlt. Eine mehrfach abgewiesene Klage gegen die Konsortialführerin Credit Suisse First Boston (CSFB) wegen einer Anleihe über 100 Mill DM soll jetzt vor dem BGH verhandelt werden. Ob der BGH die Klage annimmt, wird frühestens im September entschieden. Der Vertreter der Kläger, die Rechtsanwaltskanzlei Rotter, wirft CSFB unter anderem vor, die Anleger massiv benachteiligt und die Emissionsbedingungen verschleiert zu haben.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%