Vermehrte Lichtblicke im Technologiesektor
Neues Leben im Netz

Die Marktführer im E-Commerce schreiben schwarze Zahlen. Ihre Aktien haben davon profitiert.

Die Geschichte von PayPal erinnert an die Goldgräberzeiten im Internet. Vor zwei Jahren gegründet, startete der Spezialist für Onlinebezahlsysteme mit gerade einmal 12 000 Kunden, mittlerweile vertrauen 13 Millionen "User" auf das kalifornische Unternehmen aus Palo Alto. Vorläufiger Höhepunkt war jetzt der Börsengang, der 70 Millionen Dollar in die Kasse spülte und den Anlegern einen Zeichnungsgewinn von rund 55 Prozent bescherte.

Zwar macht eine Schwalbe noch keinen Sommer, aber die gelungene Vorstellung an der US-Wachstumsbörse Nasdaq zeigt auch, dass nach monatelanger Finsternis wieder vermehrt Lichtblicke im Technologiesektor auszumachen sind. PayPal verdankt seinen Aufstieg dem Onlineauktionshaus Ebay, denn viele Bieter bezahlen ihre ersteigerten Waren mit dem PayPal-System. Ebay und der virtuelle Buchhändler Amazon, aber auch die Internetreisebüros Travelocity, Expedia und Priceline konnten zuletzt mit besser als erwartet ausgefallenen Quartalszahlen aufwarten. Im Gegensatz zum maßlosen Boom Ende der 90er-Jahre tauchte nun auch ein Wort in den Quartalsbilanzen auf, das vorher unbekannt war: Gewinn. Die Internetaktien setzten daraufhin zum Höhenflug an, der schon wieder Ängste vor einer zu hohen Bewertung weckt.

UBS Warburg sieht beispielsweise die gesamten Technologieaktien derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 44 am oberen Ende der historischen Zehnjahresspanne bewertet. "Das macht uns nervös", meint das UBS-Team, weil viele Manager darauf setzten, dass ein starker Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte bevorsteht. Das ist bisher aber nur mit dem Prinzip Hoffnung begründet.

Andererseits haben die Überlebenden der geplatzten Internetblase jetzt die kritischen Kundenmassen gewonnen und an ihren Kostenstrukturen gefeilt. "Die guten Ergebnisse von Ebay, Amazon und den Ticket-Händlern haben gezeigt, dass E-Commerce mit Standardprodukten funktioniert", sagt Reinhard Münch von internet@venture, einem Informationsanbieter für Technologieaktien. In Zukunft würden die Geschäftsmodelle noch stärker zusammenwachsen, der Medienriese AOL Time Warner strecke seine Fühler in Richtung Onlinehandel aus, Amazon baue verstärkt auf Werbeeinnahmen. Und das als Onlineverzeichnis gestartete Portal Yahoo bietet längst auch Shopping- und Auktionsecken.

Zwar dürfte der Einzelhandel in diesem Jahr angesichts der Konjunkturflaute generell leiden, jedoch wird die erhöhte Preissensibilität der Verbraucher den Onlineanbietern in die Hände spielen, meinen die notorisch optimistischen Marktforscher von Forrester Research. Trotz der Terroranschläge vom 11. September hätten sich die Webhändler zumindest in Europa nicht über ausbleibende Surfer beschwert.

Strukturell stehe der Einzelhandel im Netz weiter auf der Gewinnerseite, bis zum Jahr 2006 werde der Onlineumsatz alleine auf dem alten Kontinent 147,6 Milliarden Euro erreichen.

Allerdings schätzen Marktbeobachter, dass nur rund 25 Prozent dieses Kuchens auch bei den reinen Onlinegeschäftsmodellen hängen bleiben. Den Löwenanteil werden die etablierten Unternehmen unter sich aufteilen, man denke nur an Tchibo oder den Otto-Versand mit ihren Internetseiten. Trotzdem fehlt diesen heimischen Platzhirschen ein entscheidender Vorteil: Ebay und Co. sind als "weltweite Marken etabliert", wie Volker Kuhnwaldt erklärt, der als Manager des Nordinternet-Fonds alle Höhen und Tiefen der Branche durchgemacht hat. Die positiven Nachrichten aus dem Bereich B2C (Business to Customer) seien "die Überraschung des Jahres", wobei ihm vor allem Ebay wegen des "rein virtuellen Geschäftsmodells" gefällt. Denn anders als Amazon muss sich Ebay nicht mit Logistikproblemen plagen.

Auch in der Wall Street sind die Analysten bullish gestimmt für Ebay. Merrill Lynch hat eine Kaufempfehlung abgegeben und erwartet für 2002 hohe Wachstumsraten: ein Plus von 47 Prozent auf 621 Millionen bei den eingestellten Artikeln und plus 51 Prozent auf 64,1 Millionen bei den Benutzern. Bei einem Anstieg der Einnahmen um geschätzte 50 Prozent auf 1,12 Milliarden Dollar (nicht zu verwechseln mit dem Auktionsumsatz, der mit 13,4 Milliarden angesetzt wird), rechnet Merrill Lynch mit einem Gewinn je Aktie von 78 Cent. Auch Goldman Sachs setzt auf Ebay mit einem Zwölfmonatskursziel von 75 Dollar.

Amazon wird zurückhaltender beurteilt, Merrill Lynch bewertet die Aktie wegen der erreichten Kurshöhe nur noch mit "neutral". Goldman Sachs hat sie auf "market outperformer" gesetzt, erwartet aber erst gegen Ende des Jahres ein Anziehen auf 15 bis 20 Dollar. Entscheidend wird dabei sein, ob die Gewinnmarge im operativen Geschäft positiv bleibt, zuletzt - im vierten Quartal - lag sie bei 5,3 Prozent.

Ob der Anleger noch mit "Bilanzanpassungen" rechnen muss, die dann von der Wall Street abgestraft werden, ist unsicher. "Den einen oder anderen handwerklichen Fehler wird man bei den schnell wachsenden Webunternehmen nicht ausschließen können", meint ein Experte.

Fazit: Ebay dürfte bei Kursen deutlich unter 50 Dollar sicher zum Einstieg reizen, Amazon wird eher zur Jahresmitte in der Sommerflaute interessant erscheinen. Von den Ticket-Verkäufern sollte man trotz der zuletzt guten Performance die Finger lassen, denn hier ist der Verdrängungswettbewerb noch in vollem Gange.

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