Vermeindliches Schnäppchen belastet SAP
Commerce One kommt SAP teuer zu stehen

SAP ist mit Commerce One ein teures Abenteuer eingegangen. Eine halbe Milliarde Dollar hat das Unternehmen in die Beteiligung investiert. Profitiert haben die Walldorfer nur vom Technologietransfer. Der Unternehmenswert wird 2002 komplett abgeschrieben - und 2003 droht neues Ungemach.

FRANKFURT/M. Die Beteiligungen des Software-Anbieters SAP an anderen Technologieunternehmen werden das Ergebnis des Unternehmens im laufenden Jahr deutlich belasten. Nach Berechnungen des Handelsblatts wird sich der negative Einfluss auf das Finanzergebnis der SAP AG auf rund eine halbe Milliarde Euro summieren. Der Löwenanteil entfällt auf das US-Unternehmen Commerce One, an dem SAP mit 20,1 % beteiligt ist.

Für 250 Mill. $ hatten die Walldorfer vor knapp zweieinhalb Jahren 3 % der Anteile des einstigen New-Economy-Stars erworben. Commerce One ist spezialisiert auf so genannte "Marktplätze" oder "Exchanges" für den Internethandel zwischen Unternehmen. Daran wollte Commerce One nicht nur durch die Entwicklung entsprechender Software verdienen; das Unternehmen gedachte auch, an den Handelsumsätzen der elektronischen Marktplätze beteiligt zu werden. Doch das Geschäftsmodell ging nicht auf. Der Markt benötigte viel weniger Marktplätze als in der Euphorie angenommen. Bereits ein Jahr später musste SAP Geld nachschießen. Der Software-Konzern investierte erneut 225 Mill. $. Dieses Mal gab es dafür satte 17,1 % der Commerce-One-Anteile.

Doch die Freude für dieses "Schnäppchen" dürfte sich in der Walldorfer Konzernzentrale in Grenzen halten. Zwar konnten SAP-Produkte wie MySAP.com von der Marktplatz-Technologie der US-Beteiligung profitieren. Doch Commerce One belastet dafür massiv die Bilanzen des deutschen Unternehmens. Hatte das Engagement das Finanzergebnis im Jahr 2000 noch um relativ bescheidene 18,6 Mill. Euro gedrückt, schnellte dieser Wert im Jahr darauf auf 161,6 Mill. Euro in die Höhe. Noch heftiger wird es die SAP im laufenden Jahr treffen. Nach Belastungen von 52 Mill. Euro im ersten Quartal, sorgte eine Wertberichtigung von 318 Mill. Euro dafür, dass der SAP Konzern im zweiten Quartal dieses Jahres sogar in die roten Zahlen rutschte.

Besserung des Commerce-One-Geschäftsumfelds kaum absehbar

Die verbleibenden Belastungen werden nach Schätzungen von Analysten zwar "relativ gering ausfallen", da Commerce One ohnehin nur noch mit einem Restwert von 22 Mill. Euro in den SAP-Büchern steht. Bei der Entwicklung von Produkten gehen die beiden Softwarehäuser nun wieder offiziell getrennte Wege (siehe Interview). Doch spätestens zur Mitte des nächsten Jahres droht neues Ungemach. Sollte sich das operative Geschäft von Commerce One nicht bald verbessern, dürfte bei dem US-Softwarehersteller in der zweiten Jahreshälfte die flüssigen Mittel wieder knapp werden. Dies zeigt der Blick in den Halbjahresbericht des Unternehmens. Danach verbrauchte Commerce One im ersten Halbjahr im operativen Geschäft rund 110 Mill. $. Gleichzeitig verfügte das Unternehmen Ende Juni noch über Mittel im Wert von rund 188 Mill. $.

Doch eine Besserung des Geschäftsumfeldes für Commerce One ist kaum absehbar. Für das dritte Quartal hat das Softwarehaus einen Verlust zwischen 1,20 und 1,30 je Aktie in Aussicht gestellt. Das würde einen Quartalsverlust von 360 Mill. $ bedeuten. Im vergangenen Jahr belief sich der Fehlbetrag von Commerce One noch auf rund 2,9 Mrd. Euro - vieles davon jedoch verursacht durch Abschreibungen.

Ob im Fall einer neuen Liquiditätsklemme bei Commerce One die SAP zu einer weiteren Finanzspritze bereit wäre, gilt in Finanzmarktkreisen als "unwahrscheinlich". Vielmehr sei es realistisch, dass sich SAP gern ganz von der Commerce-One-Beteiligung trennen wollte. Doch gibt es derzeit kaum Interessenten, die an einer Übernahme des Aktienpakets interessiert sind. Zudem muss SAP-Chef Henning Kagermann die finanziellen Kräfte im eigenen Konzern bündeln. Vor kurzem verordnete er der SAP ein kräftiges Sparprogramm. Das Ziel: trotz des schlechten Marktumfelds die für dieses Jahr geplante Erhöhung der Profitmarge um einen Prozentpunkt auf 21 % erreichen. Software-Anbieter wie Oracle oder Microsoft erwirtschaften Renditen von 35 % bis 40%.

Patzte SAP beim Renditeziel für 2002, bliebe das nicht ohne Folgen für den Aktienkurs. Bereits der negative Ausblick von Oracle hatte für kräftige Kursabschläge bei Softwareaktien gesorgt. Die SAP-Aktie verlor innerhalb der zurückliegenden 30 Tage rund 40 % an Wert. Keine Entwarnung geben auch die Analysten von Goldman Sachs, die für Europa für 2002 und auch für das nächste Jahr von einem Rückgang der IT-Ausgaben von 2 % ausgehen.

Quelle: Handelsblatt

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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