Vermittlung von Rechenzeit über das Internet scheitert an Sicherheitsfragen
Forscher bauen aus PC Superrechner

Knappe Kassen machen erfinderisch: Hunderte PC werden zu einem Großrechner verknüpft. Institute kommen so billig an Rechenleistung, die sie nur von Supercomputern erwarten können.

HB ESSEN. Viel Rechenleistung ist gefragt, wenn sich Forscher der Universität Essen auf die Suche nach neuen Tensiden für die Entwicklung eines neuen Reinigungsmittels machen. Am Rechner simulieren sie das Verhalten von Molekülen und beobachten chemische Verbindungen, um daraus Vorschläge für die Entwicklung neuer Produkte abzuleiten. Statt dabei auf die Leistung eines teuren Supercomputers zu bauen, setzt die Arbeitsgruppe aus dem Bereich der Physikalischen Chemie auf Teamwork von 128 handelsüblichen PC, die mit 1,4-Gigahertz-Prozessoren ausgerüstet sind.

Die Essener haben die Rechner - wie sie an unzähligen Schreibtischen zu finden sind - in einer alten Maschinenhalle unter dem Betriebssystem Linux zusammengeschaltet. Mit den 128 Gigaflops, das sind 128 Milliarden Gleitkomma-Berechnungen pro Sekunde, gehört dieser Rechnerverbund laut Wissenschaftler und Projektleiter Dr. Hubert Kuhn, "bereits zu den 500 schnellsten Rechnern der Welt".

Dass schnell nicht gleichbedeutend mit teuer ist, zeigt ein Blick auf die Kosten. "4 bis 8 Millionen Euro hätten wir für einen Supercomputer bezahlen müssen, der in der Lage gewesen wäre, die benötigte Leistung bereitzustellen", so Kuhn. Der Rechnerverbund der Essener ist wesentlich billiger. Mit rund 130.000 wollen die Forscher auskommen - wobei ganze 75 auf das Betriebssystem Suse Linux entfallen.

IBM und Sun unterstützen den Trend

Neu ist die Idee des Rechnerverbundes zwar nicht. Forscher der Universität in Chemnitz zeigen schon seit Jahren, dass parallel geschaltete PC-Prozessoren riesige Datenmengen verarbeiten können. Doch in Zeiten knapper Kassen setzt sich der Trend zum vernetzten Großrechner jetzt erst richtig durch. So häufen sich Meldungen aus den USA über Institute, die ihre älteren Großrechner über das Internet zusammengeschaltet und so leistungsfähige Supercomputer erhalten haben.Firmen wie IBM und Sun Microsystems unterstützen das so genannte Gridcomputing dadurch, dass sie entsprechende Softwarewerkzeuge zur Verfügung stellen.

In den USA gibt es sogar findige Geschäftsleute, die versuchen, überschüssige Rechenkapazität von PC über das Internet zu verkaufen. Was bei wissenschaftlichen Projekten wie seti@home funktioniert hat - bei dem amerikanische Forscher Informationen über außerirdische Intelligenz auf den PC von Internetnutzern haben berechnen lassen - scheint in anderen Bereichen jedoch nicht so recht zu funktionieren. So hat das US-amerikanische Startup Popular Power, das Rechnerkapazität über das Internet gegen Geld vermitteln wollte, inzwischen die Segel gestrichen. Auch die Internet-Company Processtree, die sich ebenfalls als Börse für Rechnerzeit versucht hat, ist nicht mehr im Web erreichbar.

Firmen vermitteln Rechenzeit über das Internet

3Com-Gründer Bob Mecalfe hält diese Art des "distributed computing" zwar für eine "tolle Idee", sieht darin aber keine Alternative zu Großrechnern in der Industrie: "Die Transportkosten für Daten, Programme und Ergebnisse übertreffen bei den meisten Unternehmen die Vorteile." Zudem würden sich Unternehmen scheuen, unternehmenskritische Aufgaben fremden Rechnern anzuvertrauen. Auch von anderer Seite gibt es warnende Töne. So geben Datenschützer zu bedenken, dass jeder Teilnehmer am "distributed computing" einen Teil seiner Festplatte für Zugriffe von außen öffnet.

Die Forscher von der Universität Essen haben sich daher von vorneherein dagegen entschieden, Rechenleistung über das Internet zu nutzen. Hubert Kuhn ist sich sicher, dass die Idee, Supercomputer aus PC zusammenzubauen, schnell Nachahmer finden wird: "Die Einsparpotenziale etwa bei der Simulation oder Berechnung neuer Synthesewege in der Chemie sind enorm."

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