"Vermögenswerte rechtfertigen höheren Kurs"
Experten sehen EM.TV 2000 tief in den roten Zahlen

Der Münchener Rechtehändler EM.TV & Merchandising ist nach Ansicht von Analysten im vergangenen Jahr wegen Wertabschreibungen auf Beteiligungen tief in die roten Zahlen gerutscht. Konkrete Schätzungen wollten die Analysten nicht abgeben, bezeichneten Verluste in Höhe von einer Milliarde DM aber als nicht unwahrscheinlich.

rtr MÜNCHEN. "Momentan fehlt bei EM.TV die Transparenz, um verlässliche Schätzungen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr 2000 abgeben zu können", sagte Jan Herbst, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim.Die am Neuen Markt gelistete EM.TV, die im vergangenen Jahr durch kostspielige Übernahmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, muss ihre Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr bis spätestens Montag (30. April) vorlegen.

Die Höhe der Verluste bei EM.TV hänge vor allem von den Abschreibungen auf die Beteiligung an der Formel-1-Holding SLEC und den im vergangenen Jahr erworbenen US-Filmproduzenten Jim Henson ab, hieß es bei Analysten. EM.TV hatte im März 2000 einen Anteil von 50 % an der SLEC für 1,7 Mrd. Dollar erworben. Wegen hoher Schulden verkaufte der TV- und Filmrechtehändler dann aber knapp 25 % an die Kirch-Gruppe für 550 Mill. Dollar. Der Kaufvertrag bewertet das 50-Prozent-Paket um rund eine Milliarde DM niedriger als EM.TV dafür bei seinem Einstieg bezahlt hatte. "Kirch hat einen hohen Rabatt bekommen", sagte Bernhard Tubeileh, Medienanalyst bei Merrill Lynch. "Die Frage ist nun, wie die Wirtschaftsprüfer die Beteiligung bewerten und wie viel EM.TV abschreiben muss."

Einige Analysten rechnen auch bei Jim Henson, dem Produzenten von "Muppets Show" und "Sesamstraße", mit Firmenwertabschreibungen. "Als EM.TV Jim Henson gekauft hat, war das Unternehmen kurz vor dem Erreichen der Gewinnschwelle. Aber Henson läuft schlecht, deshalb kann es auch hier zu Abschreibungen kommen", sagte Markus Wallner von HSBC Trinkaus & Burkhardt in Düsseldorf. Anfang März hatte EM.TV erklärt, man erwäge den Verkauf von Jim Henson, den das Unternehmen für 680 Mill. Dollar erworben hatte. Branchenkenner schätzen, dass EM.TV bei einer Veräußerung weit weniger erlösen würde.

Absturz an der Börse

EM.TV hätte nach den Regeln des Neuen Marktes eigentlich spätestens Ende März seine Jahresbilanz 2000 vorlegen müssen. Die Deutsche Börse gewährte EM.TV jedoch eine Fristverlängerung bis zum 30. April. Diese Frist wird das Medienunternehmen nach früheren Äußerungen wahrscheinlich voll ausnutzen. Bereits im Dezember hatte EM.TV eine drastische Gewinnwarnung für das Jahr 2000 veröffentlicht und erklärt, das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) werde 2000 voraussichtlich nur bei 50 Mill. DM statt der geplanten 525 Mill. ? liegen.

Auf Grund der Turbulenzen fielen die Aktien des früheren Börsenlieblings von den Jahreshochs im Sommer um rund 95 % auf Kurse von um die fünf Euro. Nach wochenlangen Verhandlungen hatte sich EM.TV schließlich im Februar mit der Kirch-Gruppe über einen Einstieg des Medienkonzerns geeinigt. Anleger werfen dem Management unternehmerische Unfähigkeit und sogar Falschinformation vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Vorstandschef Thomas Haffa wegen des Verdachts auf Insiderhandel.

Kerngeschäft läuft schlecht

Doch nach der Einschätzung von Analysten hat der Filmrechtehändler nicht nur die Abschreibungen und den enormen Vertrauensverlust der Anleger zu verkraften. Auch das Kerngeschäft des Lizenzhandels mit Kinder- und Jugendprogrammen laufe schlecht, sagte Wallner. Merrill-Lynch-Analyst Tubeileh sagte, die Management-Kapazitäten seien in den vergangenen Monaten durch die Verhandlungen mit Kirch und der Formel 1 voll ausgelastet gewesen: "Das Unternehmen musste sich auf die Formel 1 konzentrieren und das hat das Kinder- und Jugendprogramm belastet. Das wird sich auch im ersten Quartal auswirken."

Dennoch hält Tubeileh EM.TV bei den gegenwärtigen Kursen von 5,35 ? am Mittwoch für unterbewertet: "Wenn man sich die Vermögenswerte anschaut, dann liegt der faire Wert von EM.TV bei zehn Euro." Allerdings müssten sich EM.TV und Kirch noch mit den an der Formel 1 beteiligten Autoherstellern einigen. Diese wollen eine Beteiligung an der SLEC, an der EM.TV und Kirch mittlerweile zusammen 75 % halten. Andernfalls wollen die Konstrukteure eine alternative Rennserie gründen.

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