Vernetzung und Integration sind wichtig
"Luftfahrt ist Vorreiter in der IT"

Flugberechnungen, operative Systeme für das Check-in: Verschiedenste Services stellt der IT-Dienstleister Lufthansa Systems mehreren Fluggesellschaften - nicht nur der Muttergesellschaft - zur Verfügung. Wie Airlines mit High-Tech ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern, erklärt Peter Franke, Chef von Lufthansa Systems.

Sie haben mit Lufthansa Systems zuletzt besonders im asiatisch-pazifischen Raum neue Kunden gewonnen. Warum gerade dort?

Asien ist ohne Zweifel der aktuelle Boommarkt - auch in der Airlinebranche. Der Luftverkehr wächst dort mit sieben bis acht Prozent mindestens doppelt so schnell wie im Rest der Welt. Dieses enorme Potenzial wollen wir nutzen, indem wir den Fluggesellschaften die spezifischen IT-Dienste anbieten, ohne die kein Flugzeug abheben könnte.

Nennen Sie ein Beispiel?

Wir stellen beispielsweise die operativen Systeme für das Check-in bereit. Oder wir berechnen vor Abflug, wie der Flieger auf die Ladung hin getrimmt werden muss. Solche Anwendungen stellen wir zentral aus unserem Rechenzentrum in Kelsterbach bei Frankfurt zur Verfügung. Wenn also in Tokio jemand eincheckt, kommen seine Daten hier vorbei und gehen dann verarbeitet in Echtzeit wieder nach Japan.

Wieso programmieren und betreiben die Airlines das nicht selber?

Hinter solchen komplexen Systemen steht eine jahrelange Entwicklungsarbeit. Es würde sich für neue oder expandierende Airlines nicht lohnen, das selber zu entwickeln oder Schnittstellen zu programmieren. Weltweit gibt es nur drei oder vier große Anbieter auf dem IT-Markt für die Aviation-Branche. Und gerade in Asien ist das Gütesiegel "Made in Germany" sehr angesehen. Uns kommt zu Gute, dass sich unser Portfolio bei Lufthansa lange bewährt hat. Das öffnet Türen.

Gilt das auch für den Zukunftsmarkt China, für den zweistellige Wachstumsraten im Flugverkehr prognostiziert werden?

Ja, dort haben wir mit China Southern und China Eastern Verträge. Und mit Air China sind wir sehr intensiv im Gespräch.

Sie liefern IT-Systemlösungen für die Luftfahrtindustrie - da scheint an Kostenargumenten doch kaum ein Weg vorbei zu gehen. Als Billiganbieter wird Ihr Unternehmen andererseits kaum auftreten - oder doch?

Nein. Die Kosten für die Produkte sind nicht das Hauptargument. Vielmehr fragen die Anwender, welche Einsparungen oder Ertragssteigerungen sie mit unseren Lösungen erzielen können. Und diese Beträge übersteigen in der Regel die Kosten des Systems um ein Vielfaches.

Wo genau kann Informationstechnologie den Airlines helfen, wettbewerbsfähiger zu werden?

Es hört sich lapidar an. Aber in der Optimierung der Flugpläne liegt großes Potenzial. Dabei geht es für Netzcarrier um die nur scheinbar simple Frage: Wo fliegen wir überhaupt hin und welche Anschlüsse bedienen wir? Wenn da nicht optimal geplant wird, kann man viel verschenken; denn für einen Passagier, der etwa von New York nach Kopenhagen will, sind vor allem die guten Anschlüsse entscheidend.

Wo sehen Sie weiteres Potenzial?

Beim so genannten Revenue Management. Damit versucht eine Airline, den Ertrag pro Flug zu optimieren. Es geht ja darum, die Sitzplätze zum bestmöglichen Preis zu verkaufen. Wer eine Maschine relativ wahllos über die verschiedenen Buchungsklassen füllt, verschenkt drei bis vier Prozent Umsatz. Es ist jedoch nicht nur die Technik nötig, damit ein IT-gestütztes Revenue Management optimal eingesetzt werden kann, sondern auch die Erfahrung der Mitarbeiter im Umgang mit dieser Technologie. Nur so kann genauer prognostiziert werden, welches Kontingent an teuren BusinessClass-Plätzen für einen bestimmten Flug zurückgehalten werden soll.

Welche Besonderheiten müssen Sie bei IT-Lösungen für die Luftfahrt-Branche noch beachten?

Die hohe Verfügbarkeit unserer Leistungen - rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr - ist eine Grundvoraussetzung. In jeder Sekunde checken weltweit Passagiere ein, mit Gepäck oder ohne, mit Zwischenstopps und Platzreservierungen. Wer einmal den Stillstand des Check-in-Systems am Flughafen erlebt hat, weiß, was das für den Betrieb einer Airline bedeutet. Die weltweite Vernetzung und Integration von Systemen ist in unserer Branche unerlässlich. Deshalb ist die Luftfahrtbranche stets der Vorreiter für wegweisende IT-Lösungen gewesen - und das bleibt auch so.

Die IT-Dienstleister aller Branchen arbeiten derzeit eifrig an neuen Geschäftsmodellen, um ihren Kunden mehr Flexibilität zu ermöglichen. Worin sehen Sie dabei die grundsätzlichen Trends?

Der Kunde will sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren und gibt insbesondere arbeitsintensive Geschäftsprozesse an Spezialisten ab. Um solches Business Process Outsourcing anzubieten, beschäftigen wir beispielsweise in Indien derzeit rund 800 Mitarbeiter, die unter anderem manuelle Veränderungen in den Reservierungssystemen vornehmen.

Werden IT-Dienstleister wie Sie künftig auch stärker ergebnisorientiert bezahlt?

Ja. Ergebnisorientierte Bezahlmodelle setzen sich verstärkt im Markt durch. Unsere Kunden zahlen in manchen Fällen nur für die Funktionalitäten, die sie tatsächlich nutzen. Während früher häufig nach Speicherplatz bezahlt wurde, hängt der Preis heute öfter von transparenten Größen ab: der Zahl der eingecheckten Passagiere oder der Zahl der Buchungen. Plötzliche Einbrüche im Flugverkehr, wie durch SARS, treffen dann natürlich jeden: die Luftfahrtgesellschaften, aber auch ihre Provider.

Die Fragen stellte Stefan Merx.

Quelle: Handelsblatt online 11.03.2004

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