Verrückte Situation
Wieso Fredi Bobic wichtige Tore nur noch im Training schießen darf

Herthas Trainer Hans Meyer verzichtet beim Rückrundenstart wohl auf den Stürmer.

BERLIN. Fredi Bobic ist bei Hertha BSC immer noch der Mann für die wichtigen Tore. Es ist Sonntagmorgen, die Heizung hat den Rasen nur streifenweise grün bekommen, und auf dem Platz spielen sieben Ersatzspieler des Fußball-Bundesligisten und Kotrainer Andreas Thom vier gegen vier. Ein paar Minuten sind schon vergangen, seitdem Trainer Hans Meyer zum ersten Mal angekündigt hat: "Das nächste Tor entscheidet!" Das Spiel läuft immer noch. "Ich habe nicht das Gefühl, dass wir den Abschluss suchen!", ruft Meyer. Erst nach mehreren vergeblichen Angriffen ist es schließlich Bobic, der trifft. Die Mannschaft ohne Leibchen hat gewonnen. Bobic hebt einen Arm, dann klatscht er einmal in die Hände.

Als die Trainingseinheit vorbei ist, sagt Trainer Hans Meyer: "Eigentlich müsste ich ihn jetzt rauswerfen. So wie ich ihn heute wahrgenommen habe, hat er im Trainingslager nicht ein einziges Mal trainiert - nämlich ganz phantastisch. Aber das ist doch verrückt."

Die ganze Situation ist inzwischen ein wenig verrückt. Am Donnerstag hat Hans Meyer Nationalspieler Bobic mitgeteilt, dass er ihn nicht mit zum Testspiel nach Karlsruhe und wohl auch nicht mit zum Rückrundenstart nach Bremen nehmen würde, tags darauf informierte der Trainer die Mannschaft und die Öffentlichkeit. Umgehend forderte DFB-Teamchef Rudi Völler, "Fredi muss auf die Zähne beißen, er darf jetzt nicht das Handtuch werfen."

Bei Herthas nächster Trainingseinheit verletzte sich Artur Wichniarek, am Samstag schließlich, im Spiel beim KSC, zog sich der Brasilianer Luizao einen Adduktorenanriss zu, mit dem er vermutlich sechs Wochen lang ausfallen wird, und weil der vierte Stürmer, Nando Rafael, in Bremen wegen einer Roten Karte gesperrt ist, stand Meyer ganz plötzlich ohne Angreifer da.

Noch am Samstag, nach dem 0:0 beim Zweitligisten Karlsruher SC, hat Herthas Trainer über Bobic gesagt, er habe bei ihm nicht das Gefühl gehabt, "dass er nicht will". Im Umkehrschluss heißt das: Bobic kann ganz einfach nicht, was Meyer von ihm verlangt: dass er als Stürmer eben nicht nur Tore schießt, sondern auch Bälle sichert, nach hinten arbeitet und unmittelbar nach Ballverlust wieder mitmacht.

Wenn nun aber Bobic im Training genau das zeigt, könnte Meyers Aktion recht schnell in eine psychologische Meisterleistung umgedeutet und als erfolgreiche Provokation eines Stürmers gewertet werden, der sich selbst viel zu sicher gefühlt und deshalb einen Anstoß von außen gebraucht hat. Aber so ist es nicht. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit einer Mannschaft den Klassenerhalt schaffen kann, die ich provozieren muss", sagt Meyer. "Der Herbst war Provokation genug."

Dass Bobic in Bremen spielt, ist auch jetzt keineswegs sicher. Schließlich waren es sportliche Erwägungen, die Meyer zu seiner Entscheidung bewogen haben, keine disziplinarischen. "Für mich ist er nicht rausgeschmissen", sagt Herthas Trainer. "Ich habe ihn nur für Bremen gedanklich nicht nominiert." Bobic selbst schweigt zu seiner Situation, während Meyer über die Aufstellung in Bremen sagt: "Ich weiß noch nicht, wie ich's mache. Manchmal geht's auch ohne Stürmer." Grundsätzlich aber sucht Hertha einen Stürmer. Das Anforderungsprofil macht die Suche nicht unbedingt einfacher: "Er soll wenig kosten", sagt Meyer, "selbst auf Gehalt verzichten und auch noch Weltklasse sein."

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