Versäumnisse werden nun teuer
SARS zwingt China zu Reformen

Mit der zunehmenden Ausbreitung der lebensgefährlichen Lungenkrankheit in den ländlichen Gebieten geraten alte Probleme wieder neu in den Blick. Chinas seit Jahrzehnten vernachlässigtes Gesundheitssystem wird ohne grundlegende Reformen mit der Krankheit kaum fertig werden.

HB/dpa SCHANGHAI. Wie konnte das passieren? Mehr als 5 000 SARS-Kranke und bald 300 Tote in China, Schrumpfen der Wirtschaft und deutliche Kritik aus dem Ausland - ein kleines Virus hat dem erfolgsverwöhnten Riesenreich schon jetzt den größten Schaden seit Ende der Kulturrevolution zugefügt.

Dabei galt die medizinische Versorgung noch unter Mao Tsetungs Zeiten als beispielhaft. Zahllose so genannte "Barfußärzte" sicherten die Grundversorgung von etwa 85 Prozent der Bevölkerung. Sie behandelten Krankheiten wie Erkältung, Grippe und kleinere Verletzungen und sorgten für flächendeckende Impfungen gegen Kinderlähmung, Pocken und Cholera. Die Lebenserwartung der Menschen verdoppelte sich, die Sterblichkeitsrate bei Kindern und Müttern ging drastisch zurück.

Mit den 1979 von Deng Xiaoping in Gang gebrachten Wirtschaftsreformen aber kam es zur radikalen Umkehr: Quasi von einem Tag auf den anderen zog sich der Staat aus der Gesundheitsversorgung zurück und die rund 64 000 Krankenhäuser wurden den lokalen Behörden unterstellt. Staatliche Subventionen decken nur noch 20 Prozent der Kosten, der Patient muss inzwischen für über zwei Drittel seiner Behandlungskosten selbst aufkommen. Ärzte sind notorisch unterbezahlt und schlecht ausgebildet, fast 90 Prozent der Menschen in dem 1,3 Milliarden-Staat haben keine Krankenversicherung. Kein Wunder, dass Umfragen zufolge nur jeder dritte bei Krankheit freiwillig zum Arzt geht. Wer nicht zahlen kann, wird nicht versorgt. "Natürlich versuchen wir jemanden zu retten, der in Lebensgefahr schwebt. Ansonsten: Wenn einer kein Geld hat, muss er wieder gehen", gibt Direktor Zhang Yunfeng vom staatlichen Huashan-Krankenhaus in Schanghai ganz offen zu.

Dabei geht es den Krankenhäusern in den Großstädten noch vergleichsweise gut: Sie kassieren den Löwenanteil der staatlichen Gelder für die medizinische Versorgung. Die ländlichen Gebiete, in denen rund 900 Millionen Menschen leben, müssen sich mit lediglich 20 Prozent zufrieden geben - ein eklatantes Ungleichgewicht, mit dem China im weltweiten Vergleich nach WHO-Angaben fast auf dem letzten Platz landet. Während einer Studie des amerikanischen Nixon Centers zufolge 1981 noch über 70 Prozent der Chinesen Zugang zu medizinischen Einrichtungen hatten, waren es zwölf Jahre später nur noch 21 Prozent. Wer auf dem Land ernsthaft erkrankt, hat so gut wie keine Chance.

Ist ein solches System überhaupt dafür gerüstet, mit dem Ausbruch von Epidemien fertig zu werden? "Nein", sagt Bates Gill vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington. "Die Fähigkeit, ausbrechende Seuchen zu erkennen und zu behandeln, existiert in China schlichtweg nicht." SARS ist da nur das jüngste Beispiel unter vielen: Mit fünf Millionen Tuberkulose-Kranken gibt es inzwischen vier Mal so viel Fälle wie noch vor 20 Jahren. Die Zahlen für Neugeborenen-Tetanus und Hepatitis B gehören zu den höchsten in Asien. Das lange totgeschwiegene Aids-Virus hat mindestens eine Million Menschen infiziert, bis 2010 werden es nach Schätzungen der WHO zehn Mal so viel sein.

Dass Reformen dringend notwendig sind, hat China spätestens angesichts der drohenden wirtschaftlichen Verluste wegen SARS verstanden. Die neue Gesundheitsministerin Wu Yi will beispielsweise 55 Millionen Dollar (47 Millionen Euro) für den Kampf gegen die Krankheit zur Verfügung stellen. Mit Geld allein aber ist es nicht getan. Konkrete Vorschläge zur Neustrukturierung des Gesundheitswesens, zur besseren Ausbildung der Ärzte und Verteilung der Gelder, zur Vorsorge und Aufklärung der Bevölkerung sind bislang ausgeblieben. Nur eins ist jetzt schon sicher: Für die Versäumnisse in der Vergangenheit wird China in der Zukunft teuer bezahlen.

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