Verschärfung der Regeln
Börse redet mit Marktteilnehmern über Delisting

Der Chef des Neuen Marktes, Rainer Riess, will mit einer Verschärfung des Regelwerkes das angekratzte Image des deutschen Wachstumssegments aufpolieren.

Reuters FRANKFURT. "Wir denken schon seit längerem über das Delisting von einigen Unternehmen nach, die am unteren Ende des Neuen Marktes notieren", sagte Riess der Zeitung "Die Welt" (Donnerstagausgabe). Er folgt damit Forderungen von Aktienexperten und Unternehmen, die vor Attraktivitätsverlust und Abwanderungen von Firmen warnen. Die Forderungen einiger Marktteilnehmer gehen jedoch schon über den Ausschluss von Niedrigpreis-Aktien (Penny-Stocks) hinaus. Sie plädierten für härtere Strafen bei zu später oder falscher Information und einer Verkleinerung des Auswahlindex Nemax 50 auf 30 Werte. Andere setzen auf die Selbstbereinigung.

Zum Zeitpunkt, wann eine Regelwerksänderung in Kraft treten könnte, machte Riess keine Angaben, sagte aber, es brauche eine gewisse Vorlaufzeit für die Unternehmen. Bei der jüngsten Änderung der Richtlinien seien dies knapp drei Monate gewesen. Derzeit befinde sich die Deutsche Börse im Abstimmungsprozess mit Marktteilnehmern wie Unternehmen, Banken und Vertretern von Kleinaktionären, sagte Alexandra Franz, Sprecherin der Deutschen Börse, der Nachrichtenagentur Reuters. Es müsse ein rechtssicherer Raum geschaffen werden. Kriterien für einen Ausschluss können nach Ansicht Riess der Börsenwert oder die Insolvenz sein. Riess räumte ein, dass die "Finanzcommunity" Fehler gemacht habe und auch die Börse "bei der Sanktionierung von Missständen" im vergangenen Jahr "nicht offensiv genug" gewesen sei.

Auch Fondsmanager Karl Fickel, Partner der Fondsgesellschaft Lupus alpha, fordert neben einer zügigen Einführung einer Penny-Stock-Regelung weitere Maßnahmen. "Außerdem müssen die vorhandenen Sanktionsmechanismen für zu spät oder falsch berichtende Firmen verschärft werden", sagte Fickel der Süddeutschen Zeitung (Donnerstagausgabe). Zwar sei nicht die Existenz, wohl aber die Stellung des Neuen Marktes gefährdet. "Wenn die Negativmeldungen nicht abreißen, könnte der Neue Markt der Konkurrenz zum Opfer fallen. Ich denke an die sich formierende Nasdaq Europe. Sie könnte Zulauf bekommen auf Kosten Frankfurts".

Auch andere Fondsmanager warnten vor einem Attraktivitätsverlust. Das Delisting sei zudem kein Allheilmittel. "Die Marktkapitalisierung muss das entscheidende Kriterium für einen Ausschluss sein und nicht, dass die Aktie unter einem Euro notiert", sagte Ulf Moritzen, Fondsmanager bei Nordinvest am Mittwoch. Wassili Papas, Fondsmanager bei Union Investment, sagte, zwar sei die Forderung nach schärferen Maßnahmen nachvollziehbar, aber grundsätzlich solle sich der Markt eher selbst bereinigen. Seiner Ansicht nach werden in den kommenden zwölf bis 24 Monaten beim gültigen Regelwerk 50 bis 100 Unternehmen verschwinden. Danach könne sich der Neue Markt erholen, wenn die Konjunktur wieder anspringe.

Nach Händlereinschätzung kann es zu Abgabedruck kommen, wenn Unternehmen das Segment wechseln, weil viele Fonds stark im Neuen Markt engagiert seien. Fickel sagte, er lege weiter Geld am Neuen Markt an. Dort gebe es nach wie vor gute Unternehmen. Allerdings könne nicht mehr problemlos auf die Auswahl im Nemax 50 verwiesen werden, da der Index zu groß sei, um lückenlose Qualität zu bieten. Von verschiedenen Seiten war eine Verkleinerung des Auswahlindex auf 30 Werte gefordert worden. Papas sagte, bei der Auswahl von Titeln konzentriere er sich nicht ausschließlich auf den Neuen Markt. Dennoch seien die großen Unternehmen bei einem Wechsel nicht mehr in dem Segment gelistet, "in dem wir unsere Benchmark haben". Michael Fraikin, Fondsmanager bei SEB und Invesco, sagte vergangene Woche, Penny Stocks seien prinzipiell für Fonds unattraktiv.

Während Singulus und Mobilcom einen Segmentwechsel nicht mehr ausgeschlossen haben, wollen andere im Auswahlindex Nemax50 gelistete Unternehmen dem Neuen Markt die Treue halten. Nach Aixtron und Biodata versicherte am Donnerstag auch Intershop-Sprecher Heiner Schaumann, dass das Thema nicht diskutiert werde. Jedoch habe Intershop immer schon auf die im Sinne des Anlegerschutzes strengeren Regeln der Nasdaq verwiesen. "Es gibt keinen Grund, die Nasdaq-Regeln hier nicht zu übernehmen", sagte Schaumann. Händler sagten am Mittwoch, das Abwandern von qualitativ guten, profitablen Werten wäre eine Katastrophe. "Dann ist das Segment nicht mehr zu retten und kann umbenannt werden in insolvenz.com". Sie forderten daher nicht nur den Ausschluss von Penny-Stocks, sondern auch von insolventen Firmen und extrem umsatzschwachen Aktien.

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