Verschuldung der Telekom so hoch wie Staatsschulden von Neuseeland
T-Aktie notiert nur noch einstellig

Die Aktie der Deutschen Telekom ist am Freitag erstmals in ihrer mehr als fünfeinhalbjährigen Börsengeschichte unter die psychologisch wichtige Marke von zehn Euro gerutscht. Händler sprachen von anhaltendem Verkaufsdruck.

Reuters FRANKFURT. Um Punkt zehn Uhr erreichte die Aktie zunächst den Wert von zehn Euro und sackte in der Folge weiter ab. An den Finanzmärkten war seit Tagen darüber spekuliert worden, ob und wann das einst als Volksaktie angepriesene Papier diese Marke unterschreiten würde. Den erneuten Kursabschlag von bis zu vier Prozent auf einen zeitweiligen Tiefstand von 9,79 Euro begründeten Händler mit anhaltendem Verkaufsdruck. Bis zum Nachmittag erholten sich die Aktien auf zunächst 9,90 Euro.

Ein Händler sagte, nach dem Kursrutsch unter die Zehn-Euro-Marke verstärke sich der Druck auf Konzern-Chef Ron Sommer. Falls Sommer dem von Investoren geäußerten Druck nachgebe und zurücktrete, sei mit einer sofortigen signifikanten Aufwärtsbewegung der Telekom-Papiere zu rechnen. Ein anderer Händler sagte den Titeln in den kommenden Tagen ein Pendeln um die Zehn-Euro-Marke voraus. Auch die Firmen-Anleihen büßten deutlich an Wert ein, da sich Anleger Sorgen über den Kursrutsch der Dividendenpapiere machten. Der Risikoaufschlag gegenüber den als sicher geltenden Bundesanleihen stieg nach Händlerangaben um 0,2 auf knapp drei Prozentpunkte. Die Rendite der Telekom-Anleihe mit Laufzeit bis Mai 2007 stieg damit auf rund 7,5 Prozent.

Die Telekom-Aktien haben - wie andere Technologieaktien auch - eine in der jüngeren Börsengeschichte beispiellose Talfahrt verzeichnet. Eine über mehrere Monate anhaltende Zuversicht über deutliche Zuwächse im Zukunftsmarkt Telekommunikation hatten den als Wachstumswert angesehenen Aktien der Deutschen Telekom einen steilen Kursanstieg bis auf das Rekordhoch von 104,90 Euro am 6. März 2000 beschert. Aufkommende Befürchtungen über zu hoch gesteckte Wachstumserwartungen hatten jedoch in der Folge die Telekom - und Technologieaktien in einen bis dato andauernden Abwärtstrend gestürzt, der durch die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA noch einmal verstärkt wurde.

Als ein Auslöser der Krisenängste gelten unter Analysten die hohen Kosten für die Vergabe der Mobilfunklizenzen mit der neuen Übertragungstechnik UMTS. Bei den Versteigerungen in Deutschland und Großbritannien waren von den Telekommunikations-Firmen für die Lizenzen hohe zweistellige Milliardenbeträge gezahlt worden, was den Beginn steigender Unternehmensschulden markierte.

Vor allem der auf 67 Milliarden Euro angestiegene Schuldenstand der Telekom wird derzeit der Konzernführung unter Ron Sommer von Investoren zum Vorwurf gemacht. Der Plan zum Abbau der Verbindlichkeiten auf 50 Milliarden Euro war im Frühjahr diesen Jahres um ein Jahr auf Ende 2003 gestreckt worden, da das Bundeskartellamt den geplanten Verkauf des TV-Kabelnetzes für 5,5 Milliarden Euro untersagte. Wegen der schwachen Börse wurde der bereits seit Herbst 2000 geplante Börsengang der Mobilfunktochter T-Mobile mehrfach verschoben, womit der Telekom ebenfalls Mittel für den Schuldenabbau fehlen.

Die hohe Verschuldung belastet das zuletzt deutlich negative Ergebnis des größten europäischen Telekom-Konzerns mit Zinskosten von rund vier Milliarden Euro jährlich. Für das laufende Jahr rechnet das Unternehmen mit einem Verlustanstieg auf 5,5 Milliarden Euro, dem bisher höchsten Minus in der Unternehmensgeschichte. Auch der vor allem mit eigenen Aktien bezahlte Kauf des defizitären US-Mobilfunkunternehmens VoiceStream für umgerechnet knapp 30 Milliarden Dollar Mitte vergangenen Jahres wird von vielen Investoren wegen der ungewissen Wachstumsaussichten kritisch bewertet.

Die Telekom und das Bundesfinanzministerium lehnten einen Kommentar zu dem Kurzverfall und zu Konzernchef Sommer erneut ab. Der Bund ist mit rund 43 Prozent der Aktien der größte Einzelaktionär der Telekom. Ungeachtet der Kritik von Investoren an Telekom-Chef Ron Sommer hatte die Bundesregierung dem seit Ende 1995 amtierenden Konzernlenker zuletzt deutlich den Rücken gestärkt. Sommer habe gute Arbeit geleistet, hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gesagt.

Gegenüber dem Rekordhoch vom Frühjahr 2000 haben die mehr als vier Milliarden ausgegebenen Telekom-Aktien rund 270 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung verloren. Der jüngste Verkaufsdruck bei den Telekom-Aktien geht nach Ansicht von Finanzmarktexperten vor allem auf Investmentfonds zurück, die Leerverkäufe tätigen. Dabei verkaufen sie in Erwartung fallender Kurse geliehene Aktien, um aus der Differenz zu den später billiger eingekauften Aktien Spekulationsgewinne zu erzielen.

Der Kurssturz der im November 1996 für 14,32 Euro an die Börse gebrachten T-Aktien trifft vor allem die Kleinanleger. Mit mehr als drei Millionen privaten Investoren hat die Telekom weltweit die meisten Kleinanleger. Mitte 2000 hatte sich der Großaktionär Bund von weiteren Telekom-Aktien getrennt und diese für 66,50 Euro an den Markt gebracht.

Anschaulich wird der Kursverlust der Telekom-Aktien bei einem Vergleich mit der Wirtschaftsleistung einiger Länder. Danach entspricht der binnen 27 Monaten verzeichnete Rutsch beim Börsenwert in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Belgien oder der Schweiz. Die Verschuldung der Telekom ist mit den staatlichen Verbindlichkeiten von Tunesien oder Neuseeland vergleichbar.

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