Verschuldung des weltgrößten Gaskonzerns steigt weiter
Gazprom braucht frische Dollar

Die Aktien des größten russischen Unternehmens gehören zu den Lieblingen der Börsianer. Nun will Gazprom mit dem Wechsel an die umsatzstarke Moskauer Börse Micex für zusätzlichen Schub sorgen. Doch der wachsende Schuldenberg trübt die Vorfreude. Zudem prüft die EU die Lieferverträge mit westlichen Gasversorgern.

MOSKAU. Der mit großen Erwartungen versehene Auftritt des weltgrößten Gaskonzerns Gazprom an der Moskauer Micex-Börse Ende März steht unter keinem guten Stern. Zwar haben die Börsianer der Gazprom-Aktie seit Jahresbeginn einen Aufschwung von 43 % beschert. Doch rückt einen Tag bevor der Aufsichtsrat von Russlands bedeutendstem Unternehmen den Finanzplan 2002 verabschiedet die hohe Verschuldung in den Mittelpunkt. "Die Finanzlage Gazproms ist angespannt", meinte Florian Fenner vom Schweizer Unifund.

Der weltgrößte Gaskonzern steckt in der Schuldenfalle. Das Unternehmen muss in diesem Jahr zur Deckung der laufenden Kosten 5,8 Mrd. $ aufnehmen. Das Unternehmen ist damit überschuldet. Bereits Ende 2001 hatte der russische Rechnungshof gewarnt: Gazprom sei "nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln seine Zahlungsfähigkeit wiederherzustellen".

Insgesamt lasten 13 Mrd. $ Schulden auf dem Gaskonzern, an dem die Essener Ruhrgas AG mit 5 % beteiligt ist. Nach Angaben der Moskauer Wirtschaftszeitung "Wedemosti" muss Gazprom in diesem Jahr allein 5,8 Mrd. $ Kredite neu aufnehmen, um die laufenden Kosten zu decken, berichtete das Blatt unter Berufung auf den Finanzplan 2002. Demnach rechnet das Management mit einer Finanzlücke von 175,5 Mrd. Rubel (5,8 Mrd. $). Das sind umgerechnet 1,3 Mrd. $ Kreditaufnahme mehr als im vergangenen Jahr, obwohl das Management den Investitionsplan bereits um gut 14 Mrd. Rubel (464 Mill. $) abgespeckt hat.

Nun hofft Gazprom auf westliche Kreditgeber. Insgesamt will Gazprom in diesem Jahr 2 Mrd. $ im Westen aufnehmen. Darunter soll nach Konzernplanungen auch ein neuer Eurobond für 500 bis 750 Mill. $ bis Ende April sein und möglicherweise der Verkauf von 4,5% der Gazprom-Aktien. Bereits in der nächsten Woche will das Moskauer Brokerhauses Vereinte Finanzgruppe nach eigenen Angaben einen 300 Mill. $ großen Kredit bei westlichen Banken abschließen. An der Finanzgruppe ist auch das Gazprom-Aufsichtsratsmitglied, Ex-Finanzminister Boris Fjodorow, beteiligt.

Ob die 2 Mrd. $ aber im Westen aufgetrieben werden können, ist fraglich. Zwar sehen eine Reihe Moskauer Analysten und die internationalen Ratingagenturen derzeit kein kurzfristiges Finanzproblem bei Gazprom. Vor einem halben Jahr hatte allerdings der damals für die Gazprom-Finanzen zuständige Vorstand Sergej Dubinin auf das wachsende Problem des Konzerns bei der Refinanzierung seiner Kredite hingewiesen - erfolglos. Sergej Glaser, Analyst der Moskauer Alfa-Bank: "Gazprom ersetzt mit den benötigten 5,8 Mrd. $ nur die auslaufenden Kurzfrist-Kredite. Aber mehr als 2 Mrd. $ sind im Westen für Gazprom in diesem Jahr nicht zu bekommen." Denn die Kreditlinien, die über die Langfrist-Gaslieferverträge abgesichert sind, seien ausgereizt. Ob die Mittel des russischen Bankensystems für die restlichen 3,8 Mrd. $ ausreichen, sei jedoch offen.

Ein Grund für die Finanzschwierigkeiten ist in der eigenen Schwächung des Konzerns zu sehen, behauptet William Browder, Manager des Investmentfonds Hermitage Capital. So seien viel versprechende Gasfelder an Firmen abgegeben worden, die Gazprom Topmanagern nahe stehen sollen. Bis zu 10 % der Gazprom Aktiva seien so für Bruchteile ihres wahren Wertes verscherbelt worden.

Überdies wird Gazproms Stellung an den Finanzmärkten auch durch Ermittlungen der Brüssseler EU-Kommission belastet. Nach Angaben aus Kreisen der Deutschen Gaswirtschaft untersucht die Brüsseler Wettbewerbshüter derzeit die Langfristverträge, die Gazprom mit Ruhrgas, der italienischen Eni, der österreichischen OMV sowie Gaz de France abgeschlossen hat. Dies hat in Moskau Vermutungen genährt, die Verträge insgesamt könnten in Frage gestellt werden - womit den Russen eine wichtige Sicherheit für westliche Kredite verloren ginge.

Dass die Lieferverträge insgesamt in Frage stünden, wird in Kreisen der deutschen Gasindustrie jedoch vehement bestritten: "Diese Verträge sind für die Gasversorgung der EU fundamental, Brüssel überprüft derzeit nur einige Vertragsdetails." Demnach soll es bei der kartellrechtlichen Prüfung nur um die Klauseln gehen, mit denen Gazprom bisher den Weiterexport von russischem Gas in Drittländer untersagte.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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