Verschuldung wächst schneller als der Cash-flow
Konzerne zahlen Lehrgeld

Nach dem Überschwang der 90er Jahre müssen viele Industrieunternehmen den Gürtel enger schnallen. Die Reparatur der Bilanzen zwingt zur Bescheidenheit bei Investitionen und Zukäufen.

FRANKFURT/M. Das weiterhin trübe Klima an den Finanzmärkten lastet zusehends auf der Nachfrage nach Investitionsgütern. Stützten die Industrieunternehmen ihre Expansion während des Booms noch stark auf Kredite, stehen sie inzwischen zusehends unter Druck, ihre Schuldenlast wieder abzubauen. Die entsprechende Kurskorrektur hat in vielen Firmenzentralen jedoch gerade erst eingesetzt, der gezielte Schuldenabbau dürfte dabei mehrere Jahre erfordern. Darauf deutet eine Analyse der Bilanzen von rund 150 Großunternehmen, die das Handelsblatt unter die Lupe genommen hat.



In tabellarischer Übersicht stellt Handelsblatt.com die größten Cash-Besitzer, Cash-Erzeuger und Cash-Verbraucher vor. Weitere Tabellen zeigen die größten Käufer eigener Aktien und stellen die größten Schuldner vor. Investitionsausgaben im Überblick bietet eine weitere tabellarische Zusammenfassung. (Links siehe unten)



Insgesamt ist bei diesen Unternehmen die Verschuldung auch in den vergangenen beiden Jahren deutlich stärker gewachsen als die interne Finanzkraft. Während die Netto-Finanzverbindlichkeiten um mehr als 40 % auf über 1 600 Mrd. $ zunahmen, stieg der Geldzufluss aus dem operativen Geschäft seit 1999 lediglich um rund ein Zehntel.

Der freie Cash-flow nach Sachinvestitionen, der als Beleg für die Finanzkraft der Unternehmen dient, stieg zwar im Schnitt um rund 12 Prozent; doch verzehrten hohe Dividendenzahlungen und Aktienrückkaufprogramme die gewachsene Liquiditätskraft. Ein weiteres Zeichen für zu hohe Erwartungen: Viele Unternehmen leisteten sich eine ehrgeizige Expansion durch Zukäufe, die sich jedoch nicht im Cash-flow niedergeschlagen hat. Zudem sind viele Konzerne noch mit relativ üppigen Investitionsplänen in das Rezessionsjahr 2001 gestartet.

Zwar erscheinen nur sehr wenige der vom Handelsblatt analysierten Unternehmen akut von Zahlungsschwierigkeiten bedroht. Angesichts der Zurückhaltung und Nervosität an den Finanzmärkten müssen viele Firmen inzwischen aber größere Teile ihrer Cash-flows der Schuldentilgung widmen.

Darum bremsen sie ihre Investitionen. So verringerten die im Dax30 vertretenen Industrieunternehmen im ersten Quartal 2002 die Auszahlungen für Sachinvestitionen um durchschnittlich mehr als ein Viertel. Besonders stark sparten Linde, Infineon und Lufthansa. Der Trend ist freilich nicht auf Deutschland beschränkt. Auch amerikanische Konzerne wie Boeing, John Deere oder AOL haben ihre Investitionen stark gekürzt. Damit scheinen sich die eher skeptischen Prognosen aus dem Analystenlager zu bestätigen.

Große Unterschiede zwischen Sektoren

Dabei sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Industriesektoren erheblich. Software- und Pharmaunternehmen konnten nach unseren Berechnungen ihre Finanzposition zwischen 1999 und 2001 überwiegend verbessern. Auch die meisten Computerhersteller weisen einen relativ geringen Verschuldungsgrad oder sogar positive Cash-Positionen aus.

In den anderen Branchen offenbart sich dagegen ein relativ deutlicher Anstieg der Verbindlichkeiten. Besonders stark verschuldet haben sich nicht nur Telekomfirmen. Auch bei Fluggesellschaften, Automobilherstellern Medienkonzernen und verschiedenen Konsumgüterherstellern wie Procter & Gamble, Unilever oder Nestle sind die Verbindlichkeiten seit 1999 zum Teil drastisch gestiegen. Ursache ware in vielen Fällen die Kombination aus umfangreichen Zukäufen und sehr hohen Sachinvestitionen. Bei Automobilherstellern und einigen Mischkonzernen wie General Electric sorgte zudem das starke Engagement in der Absatzfinanzierung für enormen Finanzbedarf. Um ihren Kunden Kredite einzuräumen, mussten sich diese Firmen ihrerseits stark verschulden. Bei den zehn führenden Automobilherstellern erhöhte sich die Finanzverschuldung seit Ende 1999 um rund 100 Mrd. $, während das Geschäft nahezu stagnierte und die operativen Cash-flows im Schnitt um ein Fünftel schrumpften.

Auch die meisten großen Fluglinien haben in den vergangenen drei Jahren mehr investiert als sie im laufenden Geschäft erwirtschafteten. Sie müssen ihre Neuanschaffungen nun deutlich zurückfahren. Was Lufthansa-Finanzvorstand Karl Ludwig Kley jüngst bei der Bilanzvorlage verkündete, dürfte daher für die gesamte Luftfahrtbranche wie auch für etliche andere Industrien gelten: "Das Hauptaugenmerk wird jetzt auf den Abbau der Nettokreditverschuldung gelegt."

Hier die Tabellen zum Text:

>>Tabelle: Verschuldung bei Großunternehmen nach Branchen I

>>Tabelle: Verschuldung bei Großunternehmen nach Branchen II

>>Tabelle: Die größten Cash-Besitzer

>>Tabelle: Die größten Cash-Erzeuger

>>Tabelle: Die größten Cash-Verbraucher

>>Tabelle: Investitionsausgaben

>>Tabelle: Die größten Käufer eigener Aktien

>>Tabelle: Die größten Schuldner

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