Versicherer schichten Anleihe-Portfolio um
Langläufer-Bonds setzen zum Sprint an

Einen Moment lang sah es im Herbst 1998 so aus, als stürze ein einzelner Hedge- Fonds das ganze Finanzsystem in die Krise. Am Ende stürzte zwar nur die legendäre Firma Long Term Capital Management (LTCM) selbst. Aber bis heute ranken sich Legenden um die Frage, welche Anlage- Idee den einst bejubelten LTCM - Fonds zu Fall brachte.

FRANKFURT/M. Manche tippen auf russische Anleihen, andere auf ein komplexes Arbitrage-Geschäft mit der doppelt notierten Ölaktie Royal Dutch/ Shell. Doch Omar Selim, Managing Director und Chef des deutschen Anleihegeschäfts der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB), bringt einen ganz anderen Aspekt ins Spiel: "Es war der Renditeunterschied zwischen britischen Staatsanleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten."

Die Anlage-Idee von LTCM klingt zunächst überzeugend: Britische Bonds (Gilts genannt) mit 30-jähriger Laufzeit brachten damals weniger Rendite als 10-jährige Papiere. Eine Anomalie. Denn je höher die Laufzeit, desto mehr Rendite werfen Bonds in der Regel ab. Anleger wollen schließlich dafür entlohnt werden, dass sie ihr Geld länger festlegen und so ein größeres Zinsänderungsrisiko tragen.

Also setzte LTCM darauf, dass der Renditenachteil der Langläufer sinken würde. Doch das Gegenteil geschah: Der Abstand (Spread) vergrößerte sich sogar - und blieb bis heute bestehen. Gestern brachten 30-jährige Gilts 4,49 %, 10-jährige dagegen 4,59 %. Das brach dem milliardenschweren Hedge-Fonds das Genick. So weit die Legende.

Und jetzt der Clou an der Geschichte: Einige Fachleute halten es für möglich, dass in Deutschland eine ähnliche Entwicklung bevorsteht, wie sie in Großbritannien stattfand. Hintergrund ist das erwartete Anlageverhalten großer Versicherer. Sie zählen zu den wichtigsten institutionellen Investoren am deutschen Finanzmarkt mit einem gesamten Anlagevermögen von rund einer Billion Euro.

Lebensversicherung läuft im Durchschnitt 24 Jahre

"Lebensversicherer müssen ihre Finanzanlagen langfristiger ausrichten", sagt der Anlagestratege einer deutschen Großbank, der Versicherer berät, "und das bedeutet Engagements in lang laufenden Anleihen." Grund: Eine Lebensversicherung läuft im Schnitt 24 Jahre. So lange muss der Anbieter den Mindestzins garantieren, der bei Vertragsbeginn gilt. Früher waren dies 4 %, heute 3,25 %. Ein Großteil der angesparten Versicherungsbeiträge fließt traditionell in Anleihepapiere.

Was aber passiert, wenn während der Vertragslaufzeit das Zinsniveau rapide sinkt wie in den vergangenen Jahrzehnten? Klar: "Bei der Wiederanlage müssen viele Versicherer derzeit starke Zinseinbußen hinnehmen", sagt Selim. Statt 7 % oder mehr für ihre alten 10-jährigen Anleihen erhalten sie aktuell nur 4,5 % für jüngere Bundespapiere. Berücksichtigt man noch die Verluste, die viele Lebensversicherer mit der Aktienanlage erlitten, dann rückt die gewohnte Ausschüttungsrendite von 7 % in weite Ferne. Manche Anbieter können selbst den Garantiezins kaum erwirtschaften.

"Deshalb wird die Angleichung der Laufzeiten von Zahlungsverpflichtungen und Kapitalanlagen ein ganz großes Thema", sagt der Anlagestratege. Die Debatte um das so genannte Asset-Liability-Manage- ment dürfte den lang laufenden Zinspapieren nutzen. In England kauften Versicherer und Pensionsfonds viel früher 30-jährige Anleihen. Das löste 1998 die Rendite- "Anomalie" aus.

Hier zu Lande zeichnet sich eine schrittweise Entwicklung ab, die längst begonnen hat. Versicherer erhöhen die Laufzeit ihrer Anleiheportefeuilles langsam. Investoren profitieren davon, indem sie schon jetzt auf Langläufer setzen.

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