Versicherer sind für Herausforderungen gewappnet
Archivar des Grauen

Auf der Klimakonferenz die heute in Den Haag beginnt, werden auch die Experten der Münchener Rück sein. Die kennen sich bestens aus mit Stürmen und Fluten, denn die gehören zu ihrem Geschäft.

HB MÜNCHEN.Wenn Thomas Loster über "Lothar" spricht, dann streift er das Geschäftliche ab wie einen Anzug, den man nach Feierabend auf den Kleiderbügel hängt. Das dunkle Augenpaar gewinnt an Glanz, die sonst nur um Exaktheit bemühte Sprache an Farbe. "Lothar", sagt er, "war ganz extrem. Er war eine meteorologische Bombe."

Thomas Loster hat ein inniges Verhältnis zu Katastrophen wie dem Wintersturm, berufsbedingt. Er nimmt, was er kriegen kann: Stürme, Erdbeben, Flutwellen, gern aber auch einen Bergrutsch in Norditalien oder ein Hochwasser an Rhein und Mosel. Thomas Loster kennt jede Naturgewalt weltweit, er ist gewissermaßen ein Archivar des Grauens, er hat alle Schadenssummen gezählt und alle Toten dokumentiert, und er weiß, dass ihm der Klimawandel immer noch mehr Arbeit ins Haus bringen wird. Thomas Loster ist der Mann fürs Grobe bei der "Münchener Rück". Aber er ist nicht alleine. Der größte Rückversicherer der Welt, der das Risiko normaler Versicherungsunternehmen absichert und der 1999 eine Nettoprämie von 14,4 Milliarden Dollar eingenommen hat, leistet sich eine eigene Forschungsabteilung.

20 Mitarbeiter, zumeist Geowissenschaftler, arbeiten in München an einer Kartografie der Katastrophen. Meist sind die Mitarbeiter um die 40 wie Loster, und sie interessieren sich wie ihr Leiter des Fachbereichs für Wetter- und Klimarisiken auch für die Ursachen. "Eine Katastrophe muss für uns der Eintritt eines gewissermaßen kalkulierten Ereignisses sein", sagt Loster, jetzt wieder ganz zurückgenommen wie ein Versicherungsmathematiker.

Der Klimafaktor wirkt verschärfend

Eine Variable in all den Rechnungen dieser beinahe unendlich reichen Versicherung ist die globale Klimaänderung. "Die Zunahme der Extremereignisse nehmen wir mit Sorge zur Kenntnis. Der Klimafaktor wirkt verschärfend", sagt Loster und fügt noch hinzu, dass er ab heute auf der Weltklimakonferenz in Den Haag sein wird.

Dort entscheidet sich in den nächsten knapp zwei Wochen, ob die Welt etwas für den Klimaschutz tun wird. Ob der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen klimarelevanten Gasen in den Industriestaaten gesenkt wird oder ob die Atmosphäre weiterhin so angeheizt wird wie in der jüngsten Zeit.

Jede Entscheidung, die in Den Haag getroffen wird, hat ökonomische Folgen. Wer zum Erreichen eines ehrgeizigen Klimaziels die Energie stark verteuert, riskiert Wachstum. Wer jedoch nichts unternimmt, das zeigen auch die Studien der Münchener Rück, riskiert künftig noch höhere volkswirtschaftliche Schäden durch Naturkatastrophen.

"Lothar" und seine Brüder "Kurt" und "Martin", die an Weihnachten 1999 über Westeuropa fegten, richteten etwa einen Schaden von elf Milliarden Dollar an; fünf Milliarden waren versichert. Im gleichen Jahr gab es noch das große Erdbeben in der Türkei und die Überschwemmung in China und 800 weitere Katastrophen. Es war ein übles Jahr, das sogar der Versicherung das Ergebnis etwas verhagelte.

Bedroht also die befürchtete Klimakatastrophe unmittelbar nicht nur ein paar ferne Atolle, sondern gar jene feste Burg, die die Münchener Rück im Laufe der Jahrzehnte zwischen der Leopold- und der Königinstraße hat errichten lassen? Jene edlen Gebäude, in denen Bergbäche Treppen hinunterrauschen; in denen alle 3 000 Mitarbeiter kostenlos in architektonisch gewagten Kantinen zu Mittag speisen. Alles bedroht? Nein, da kann der Vorstandsvorsitzende Hans-Jürgen Schinzler beruhigen. So schlimm die Katastrophen seien, so hätten sie doch die angenehme Nebenwirkung, dass sich in der Folge die Leute wieder eifriger versicherten; und das ist nun mal gut fürs Geschäft.

Die Versicherer sind für die Herausforderungen gewappnet

"Die Versicherer sind für die Herausforderungen gewappnet", sagt der Klimaexperte Loster. Dann legt er eine CD-Rom ein, und bald wird klar, warum das so ist. Mit der Maus fährt er in Sekundenschnelle einmal um die Welt, legt dann ein paar Stopps in Asien ein, bewegt sich auf dem Landweg nach Europa, um schließlich in Hamburg zu halten. Hamburg, das ist in den Augen der Versicherungswirtschaft nicht nur ein schöner, sondern auch ein nicht ganz ungefährlicher Ort: Das Risiko einer Sturmflut und das eines Orkans ist hoch, zeigt jedenfalls der Monitor an. Das, was der Computer für Hamburg leistet, leistet er für jeden anderen Ort auf der Welt: Er zeigt, wie hoch die Gefahren einer Naturkatastrophe sind.

Die CD-Rom, die jeder Versicherungskaufmann der Münchener an seinem Arbeitsplatz hat, ist die Frucht fleißigen Sammelns. Seit Jahrzehnten archiviert die Münchener Rück alle Daten über Naturkatastrophen, sei es ein Hochwasser in China oder ein Hagelschauer in München, und deshalb wissen die Versicherungsagenten ziemlich genau, wann sie ein Geschäft als zu riskant ablehnen müssen. Immer dann, wenn das Risiko so hoch ist, dass die erwarteten Schäden die Erträge aus den Prämien übersteigen könnten. Hochwasserschäden an Rhein und Mosel etwa werden gar nicht versichert, weil die Fluten so oft kommen, dass es sich einfach nicht rentiert.

Das alles hat mit der Klimaänderung auf den ersten Blick so fürchterlich viel noch gar nicht zu tun, zumal die Schadenssummen auch deshalb steigen, weil immer mehr Menschen auf der Erde leben und sich immer häufiger an bedrohten Orten ansiedeln. Erdbeben geschehen sowieso unabhängig vom Treibhauseffekt. Aber es gibt eben nach Meinung der Münchener Rück doch ein paar Faktoren, die verschärfend wirken. So sorgt die Klimaänderung dafür, dass es im Winter in unseren Breiten häufiger regnet als früher. Und nicht nur das: "Es ist", schreibt die Münchener Rück, "nicht nur mit mehr Sturzfluten und Muren, sondern auch mit mehr Gewittern, Hagel- und Blitzschlägen zu rechnen."

Die logische, versicherungsmathematische Folge: Die Prämien werden höher, wenn nicht mehr Leute einzahlen. Die Selbstbeteiligungen werden steigen. Und das letzte Mittel der Versicherer ist eben immer noch, sich aus ganzen Regionen zurückzuziehen.

Einstweilen werden die Bilder von Katastrophen, die die Flure der geowissenschaftlichen Abteilung schmücken, ausgetauscht und von neuen Katastrophenbildern ersetzt. Natürlich sei man da oft erschüttert, sagt Loster, der den Katastrophen weltweit hinterherreist: die Zerstörung, das Leid, die Toten. Aber da ist noch etwas anderes: "Das ist wie bei einem Chirurgen, wenn er einen besonders seltenen Bruch sieht. Der ist dann auch nicht nur entsetzt, sondern sagt: ,Ah, ein neues, interessantes Bild?."

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