Versicherungen nach dem 11. September
Die Rechnung mit dem Risiko

Das Unwahrscheinliche ist seit dem 11. September 2001 für die Versicherungen wahrscheinlich geworden. In ihren schlimmsten Befürchtungen hatten die Experten der Allianz, der Münchener Rück und anderer Versicherungen nicht an einen Terrorangriff mit tausenden Toten und Milliardenschäden gedacht.

dpa MÜNCHEN. "In unseren düstersten Visionen hatten wir uns ausgemalt, dass jemand versuchen könnte, ein Atomkraftwerk anzugreifen. Aber mit einem solchen Ereignis hatte niemand gerechnet", sagt Andreas Shell, Leiter der Schadenabwicklung des Industriegeschäfts der Allianz. Als Konsequenz aus der Katastrophe in New York und Washington haben die großen Versicherungen ihre Risiko- und Schadenszenarien überarbeitet und neue Klauseln für Terroranschläge entwickelt.

Mit bis zu 60 Mrd. US-Dollar waren die Folgen des Angriffs mit Abstand der größte Versicherungsschaden in der Geschichte. Bereits wenige Wochen nach der Katastrophe haben die Versicherungen die Preise für Industrieversicherungen zum Teil mehr als verdoppelt und die Haftung für Terrorschäden stark begrenzt. Zwar betonten die Versicherungen, dass die Preiserhöhungen unabhängig vom 11. September überfällig gewesen seien. Experten gehen aber davon aus, dass die Konzerne die Erhöhungen ohne die Angriffe nicht in dem Maße hätten durchsetzen können. Langfristig dürften die Versicherungen daher nach Ansicht von Analysten von den Auswirkungen des 11. September profitieren.

Zerstörungswut von Terroristen kaum zu erahnen


Die Rechnung mit dem Risiko ist seit dem 11. September allerdings viel schwieriger geworden. Bislang waren es vor allem Erdbeben, Wirbelstürme und Überschwemmungen, die die Versicherungen mit Milliardenschäden belasteten. Aus der Häufigkeit bisheriger Unwetter und Daten über den Klimawandel können die Versicherungen die Wahrscheinlichkeit dieser Katastrophen zumindest teilweise ermitteln und in die Berechnung ihrer Prämien einfließen lassen. Die Zerstörungswut von Terroristen ist jedoch kaum zu erahnen. "Terrorismus lebt von Willkür und von Überraschungseffekten. Mit mathematischen Modellen auf der Basis von Schadenerfahrungen ist da wenig auszurichten", beschrieb der zuständige Vorstand Stefan Heyd der weltgrößten Rückversicherung Münchener Rück die Problematik.

Die Münchener Rück hat die Haftung für Terrorschäden nach dem 11. September begrenzt und sich durch kurze Kündigungsfristen vor einer Serie von Terroranschlägen geschützt. Auch die Erstversicherer passten den Versicherungsschutz für Terrorrisiken an das neue Risiko an. Der Allianz-Konzern gründete gemeinsam mit internationalen Partnern einen Spezialversicherer zur Deckung von Terrorrisiken unter dem Namen "Special Risk Insurance", die Gebäude und deren nähere Umgebung bis zu einer Summe von 275 Mill. Euro gegen Terrorrisiken versichert.

Ab Herbst: Terrorversicherung "Extremus"


Massive Terrorangriffe wie die vom 11. September will keine Versicherung alleine schultern. Nach monatelangen Verhandlungen mit der deutschen Bundesregierung soll im Herbst unter dem Namen "Extremus" eine Terror-Versicherung mit staatlicher Beteiligung an den Start gehen. Die Versicherer kommen dabei für Schäden bis zu drei Mrd. Euro auf, der Staat haftet mit maximal zehn Mrd. Euro.

Um mögliche Schadenbelastungen durch Terroranschläge zumindest ansatzweise abschätzen zu können, ist bei den Versicherungen die Fantasie der Experten stärker denn je gefragt. Die Allianz zum Beispiel erforscht inzwischen auch "Megarisiken": Ein Hurrikan, Winterstürme in Europa und ein Taifun, eine schmutzige Bombe auf Manhattan oder Frankfurt, ein Anschlag auf die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, die Sprengung des Eurotunnels und die längerfristige Unterbrechung der wichtigsten Öl- und Gas-Pipelines im Winter - und das alles im selben Jahr.

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