Versicherungen rühren schon jetzt die Werbetrommel für die Riester-Rente
Riester-Zertifikate gibt es erst zum Jahresende

An der Rentenreform scheiden sich die Geister: Während viele Versicherer schon jetzt ihre Marketingoffensive starten, wollen die Banken vorerst die weitere Diskussion abwarten. Uneins zeigt sich die Fondsbranche. Arbeitsminister Walter Riester warnte gestern vor überstürzten Vertragsabschlüssen.

16.5.2001 frü/nw/rez/rl/sm FRANKFURT/BERLIN. Beim Abschluss von Verträgen für die Riester-Rente, die nach dem neuen Altersvermögensgesetz gefördert werden, besteht nach Auffassung von Experten keine Eile. Bundesregierung, Gewerkschaften und Verbraucherverbände warnen sogar vor vorschnellen Vertragsabschlüssen. "Jeder ist gut beraten abzuwarten, bis zertifizierte Produkte da sind", erklärte gestern Arbeitsminister Walter Riester(SPD).

Eine neue Zertifizierungsstelle beim Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) in Bonn wird prüfen, ob Anlageprodukte die Förderkriterien erfüllen. Mit solchen Zertifikaten ist kaum vor Ende des Jahres zu rechnen. Die neue Förderung wird ohnehin nicht vor 2003 ausgezahlt.

Beim BAV wird diese Stelle mit zunächst 70 Arbeitsplätzen derzeit eingerichtet. Versicherungen, Banken und Investmentfonds, die förderfähige Produkte vertreiben wollen, sollen vor dem 1. Juli noch keine Anträge auf Zeritifizierung ihrer Produkte einreichen, bittet das Amt. Eine Aufnahme des Verfahrens vor diesem Termin sei ohnehin nicht möglich. Die Bescheide über die Zertifizierung, die ab 1. Januar 2002 wirksam werden, werden von dem Amt voraussichtlich erst Ende Dezember "in einem engen Zeitfenster" verschickt, erläuterte ein BAV-Sprecher dem Handelsblatt.

Damit sollen Wettbewerbsverzerrungen innerhalb der Versicherungs- und Finanzbranche vermieden werden. "Es geht keinesfalls nach dem Motto, wer zuerst kommt, mahlt zuerst", betonte der BAV-Sprecher. Das Amt wolle dafür sorgen, dass Anträge, die bis zum 30. November 2001 vollständig eingereicht würden, eine Zertifizierung mit Wirkung zum 1. Januar 2002 erhielten.

Die Kunden haben auch danach noch ausreichend Zeit, sich am Markt das geeignete Produkt auszuwählen. Eine Förderung für das gesamte Jahr 2002 ist selbst dann noch gewährleistet, wenn ein entsprechender Vertrag Ende 2002 abgeschlossen und dotiert wird. Die erste Zulage kann ohnehin frühestens im Frühling 2003 ausgezahlt werden, erläuterte ein Sprecher der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) dem Handelsblatt.

Lebensversicherer haben geringe Probleme

Die Lebensversicherer haben mit der Erfülllung der Riester-Kriterien die geringsten Probleme. Mit wenigen Handgriffen stricken sie aus der klassischen Rentenversicherung eine Riester-Police. Kein Wunder also, dass Allianz & Co. als erste am Start sind. Die Vertreter der Aachener und Münchener (AM) sind bereits vor Verabschiedung des Gesetzes losgezogen. Die übrigen Versicherer folgen zumeist Mitte des Jahres.

AM-Leben-Chef Michael Kalka erklärt die Eile: "Die Vertriebe wollen das Produkt jetzt." Sie wissen, weshalb von den Lebensversicherern unisono zu hören ist: "Der Markt wird am Anfang verteilt." Sie befürchten die Konkurrenz von Gewerkschaften und Betrieben. Ab Januar werden viele Firmen ihren Mitarbeitern Pensionsfonds oder-kassen Marke Riester ans Herz legen. Der Tarifvorbehalt schreit geradezu nach Konsortiallösungen, weshalb vor allem kleinere Versicherer befürchten, außen vor zu bleiben. Auf die hohe Kunst der betrieblichen Altersversorgung verstehen sich die wenigsten.

In der Fondsbranche klaffen die Meinungen über das richtige Timing beim Angebot von Riester-Produkten auseinander: Während die einen sich zurückhalten, kündigen andere bereits Riester-fähige Anlagen an. Unter den großen Fondsgesellschaften wollen die genossenschaftliche Union Investment und die Commerzbank-Tochter Adig zunächst abwarten, welche Investments überhaupt eine Riester-Förderung erhalten können. "Wir machen den Etikettenschwindel nicht mit", so Union-Sprecher Rolf Drees. Wie auch die Adig will die Union daher erst ab Herbst Riester-Angebote vorstellen. Auch die Dresdner-Tochter DIT will erst in einigen Monaten Produkte ankündigen.

Dagegen positionieren sich der Marktführer DWS und die Nummer zwei, Deka, bereits mit unterschiedlichen Produkten: Die Deutsche-Bank-Tochter DWS hat bereits Anfang der Woche einen Sparplan aus Aktien- und Rentenfonds angekündigt, bei dem die Fonds nach Lebensalter der Anleger gewichtet werden sollen (siehe Handelsblatt vom 15.5.01). "Wir müssen jetzt Flagge zeigen", begründete DWS-Sprecher Thomas Richter die Marketingmaßnahme. Im Gegensatz zu Versicherern lasse die DWS aber noch keine Verträge unterschreiben.

Die DGZ Deka Bank, der Fondsanbieter der Sparkassen, will zusammen mit den 13 öffentlichen Versicherern und der Neuen Leben unbedingt als einer der Ersten am Markt sein und den Vertrieb mit einer einfachen Lösung fördern. Das Produkt - eine Rentenversicherung, deren Überschussanteile in Fonds der DGZ Deka Bank angelegt werden - soll schon am 1. Juli auf den Markt kommen. "Wir müssen die Nicht-Zertifizierung in Kauf nehmen. Denn unsere Wettbewerber werden nicht bis zum 1. Januar 2002 warten", sagte Manfred Zaß, Vorstandsvorsitzender der DGZ Deka Bank.

Der Sparkassen- und Giroverband (DSGV) ist anderer Ansicht: "Es ist unseriös, mit einem Riester-Produkt an den Markt zu treten, bevor nicht die Auslegungsfragen geklärt sind", meint Volker Speer vom DSGV. Gleichwohl soll die Produktplanung in Kürze abgeschlossen werden. Zu viele Unsicherheiten bezüglich der Zertifizierung sieht noch Stephan Rabe, Sprecher des Bundesverbandes Öffentlicher Banken (VÖB). Da die Diskussion um die Gesetzesauslegung noch abgewartet werden muss, mahnt Thomas Weisgerber, Geschäftsführer beim Bundesverband deutscher Banken (BdB), Gelassenheit an. Die von den Versicherern zur Zeit als Riester-Rente angebotenen Lebensversicherungen sind für ihn überwiegend klassische Policen.

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