Verstärkte Konzentration auf das Kerngeschäft
Versicherer blicken mit Sorge in die Zukunft

Wegen der Kapitalschmelze und hoher Verluste aus dem Versicherungsgeschäft stellen viele Versicherer ihre Strategie auf den Prüfstand. Mit Spannung blickt die Branche auf den laufenden Gerling-Verkauf und welche Richtung der neue Allianz-Chef Diekmann einschlagen wird.

HB DÜSSELDORF. Wenn die Versicherungsvorstände Ende des Jahres ihre Bücher schließen, werden sie wohl ein Stoßgebet sprechen und um Besserung in 2003 bitten. Wolfgang Rief, Analyst der Ratingagentur Standard & Poor?s, sieht die Branche in einem schmerzhaften Anpassungsprozess, der sich auch nächstes Jahr fortsetzen wird. "In den 90-er Jahren stand bei vielen Häusern die Expansion auf dem Programm. Nach der Jahrtausendwende zwingt sie nun die anhaltende Kapitalmarktschwäche, sich wieder stärker auf das Kerngeschäft zu konzentrieren." Großschäden in den USA und Kapitalknappheit haben zum Beispiel den Gerling-Konzern dazu genötigt, das Rückversicherungsgeschäft ganz aufzugeben.

2003 wird sich wohl entscheiden, wer den Kölner Traditionsversicherer Gerling übernehmen wird. Aus Unternehmensnahen Kreisen mehren sich die Zweifel, ob der Zusammenschluss von Gerling mit dem HDI wirklich gelingen wird. Experten fragen sich, ob der HDI den Deal finanziell stemmen kann. Sicher ist nur: Die Deutsche Bank möchte möglichst schnell ihren Gerling-Anteil von 34,5 % los werden.

Mit Argus-Augen wird die Finanzwelt den Amtsantritt des neuen Allianz-Chefs Michael Diekmann im April nächsten Jahres verfolgen. "Das Management steht unter enormem Erfolgsdruck, der Markt will Belege für die Wende zum Positiven sehen" sagt S & P-Experte Rief.

Abgang in schwierigen Zeiten

Kritiker monieren, dass Allianz - Chef Henning Schulte-Noelle in einer für den Konzern enorm schwierigen Zeit abtritt. Viele hatten zudem eher damit gerechnet, dass der Investmentbanker Paul Achleitner im Vorstand seinen Posten räumen muss. Schließlich gilt er als der Architekt der Übernahme der Dresdner Bank. Ebenso steht Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz unter Druck; er verliert mit Schulte-Noelle einen wichtigen Fürsprecher.

Daher schießen mit dem Führungswechsel wieder Spekulationen ins Kraut, die Allianz könnte das Firmenkunden-Geschäft inklusive Investment-Banking verkaufen. Michael Haid, Analyst bei Sal. Oppenheim, hält aber Spekulationen, der designierte Chef Diekmann könnte jetzt "tabula rasa" bei der Dresdner Bank machen, für übertrieben: "Schließlich ist Diekmann bereits seit Jahren im Vorstand der Allianz und hat den Kurs somit auch mit zu verantworten."

Über die weitere Entwicklung bei der Allianz zeigt Haid sich optimistisch: "Die massiven Schritte zur Kostensenkung sollten im kommenden Jahr ihre Wirkung entfalten." Er verweist darauf, dass das Kerngeschäft der Allianz, das Versicherungsgeschäft, gut läuft. Die Wende zum Positiven muss auch die Münchener Rück schaffen. Analysten erwarten von dem Rückversicherer, dass er endlich den Aufwand für Schäden und Kosten unter die Höhe der Beitragseinnahmen drückt (Combined Ratio unter 100 %).

Gesprächsstoff wird im kommenden Jahr auch die Lebensversicherungsbranche liefern. Ihr hat die Krise am Kapitalmarkt besonders zugesetzt. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Auffanggesellschaft Protektor doch noch den einen oder anderen Bestand sanieren muss", sagt S & P-Experte Rief. Kandidaten- Namen will er nicht nennen; aber angesichts der stark geschwächten Kapitalbasis vieler Marktteilnehmer sei es nicht undenkbar, dass ein Lebensversicherer seine Garantieverpflichtungen nicht mehr erfüllen kann. Denn die Zinsen bleiben niedrig, eine Aktienrally erwartet niemand.

Neues Unheil aus Berlin

Zudem droht der Branche neues Unheil aus Berlin: Schon im Januar soll eine der zahlreichen Kommissionen, die von dem Finanzwissenschaftler Bert Rürup geleitet wird, Vorschläge zur Reform der Besteuerung der Alterseinkünfte machen. Rürup eilt dabei der Ruf voraus, strikt zwischen Altersvorsorge und Vermögensbildung trennen zu wollen. Es scheint also möglich, dass die Kapital bildende Lebensversicherung, bei der am Ende der Laufzeit das angesparte Kapital auf einen Schlag ausgezahlt wird, im kommenden Jahr ihr Steuerprivileg verliert.

Das Thema "Terror" ist bei alldem schon fast in Vergessenheit geraten. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatten sich die Bundesregierung und die Versicherungswirtschaft darauf geeinigt, einen staatlich gedeckten Versicherer für Terrorismus-Risiken namens "Extremus" zu gründen. Doch bei den Industrie-Kunden wurde schnell Kritik laut: Der Schutz sei zu teuer und unzureichend, hieß es.

Aber Dirk Harbrücker, Vorstand von Extremus, ist mit den Abschlusszahlen recht zufrieden: "Wir haben schon 300 Policen abgeschlossen, unter anderem mit einem großen deutschen Automobilkonzern, Unternehmen der Chemiebranche, des Handels und der Energiewirtschaft." Vom Prämienziel von 200 Mill. Euro sei Extremus zwar noch ein ganzes Stück entfernt. "Aber der Abschluss der Erneuerungsrunde in der Industrieversicherung ist dieses Jahr auch besonders spät", sagt Harbrücker.

Mittlerweile sollen also schon 200 Mill. Euro Prämie genügen, um den Fortbestand von Extremus zu sichern. Beim Start des Terror-Versicherers war noch von 300 Mill. Euro die Rede. Das scheint typisch für die Versicherungsbranche zu sein: Sie wird bescheidener.

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