Verstecktes Assesment-Center
Stille Nacht, tragische Nacht

Betriebliche Weihnachtsfeiern bieten selten einen Anlass zur Vorfreude. Wer seiner Karriere nicht schaden will, sollte einige Regeln beachten.

Heulend saß Patricia de Winker (Name von der Redaktion geändert) auf der Couch. Nichts erinnerte mehr an die mondäne PR-Chefin: Das Bündel Elend, das mit zerlaufenem Make-up, struppiger Frisur und verschmiertem Lippenstift über die katastrophale Affäre mit dem Vorstand der Konkurrenz-Agentur jammerte, strahlte weder Kompetenz noch Autorität aus. Das tragische Ende einer Weihnachtsfeier.

Eigentlich hatte Sabine Deller * den Verlauf des Festes ganz anders geplant. Hatte sie sich doch ganz fest vorgenommen, an diesem Abend ihre Beförderung durchzudrücken. Und es sah ja auch alles so gut aus: Schon nach einer Stunde unterhielt sie sich mit ihrer Chefin über das Potenzial gerade desjenigen Ressorts, das sie gerne übernehmen wollte.

Nach dem fünften Grappa bot ihr de Winker das Du an, nach dem zehnten allerdings war die Chefin nicht mehr stehfähig. Und am Ende landete die völlig betrunkene Vorgesetzte auf dem Ikea-Sofa in Dellers kleinem Appartement, wo sie sich ausheulte, bis ihre Schwester sie abholte.

Drücken geht nicht

Als Patricia oder besser Frau de Winker nach einer Woche Kranksein in die Firma zurückkehrte, war Sabine wieder "Frau Deller" und an eine Beförderung nicht mehr zu denken.

Vielen Angestellten graut es wegen solcher und ähnlicher Szenen vor der betrieblichen Weihnachtsfeier. Mehr als jeder andere betriebliche Anlass ist dieses Fest schon von vornherein belastet: Zu viel gute Laune, die da erwartet wird, und zu viele Leute, denen man lieber aus dem Weg geht.

Die Unternehmensleitung wünscht sich eine feierliche Stimmung, häufig erwartet sie auch noch Dank für eine Einladung, die genau genommen aber ein dienstlicher Termin, also ausdrücklich Arbeit ist.

Denn darum drücken geht nicht. Abwesende bekommen den Stempel: "illoyal und auf dem Absprung". Wer also am nächsten Tag noch mit einem freundlichen "Hallo!" in der Firma begrüßt werden will, sollte zu Weihnachtsfeier gehen.

Weihnachtsfeier ist ein verstecktes Assesment-Center

Und sich bewusst sein: "Die Weihnachtsfeier ist keine Privat-Party. Im Gegenteil: Sie ist ein verstecktes Assessment-Center", warnt Consulting-Expertin Elisabeth Jahrreiß. "Wo sonst können Vorgesetzte so informell die Sozialkompetenz ihrer Mitarbeiter in Augenschein nehmen?"

Bei den meisten Mitarbeitern erzeugt genau dieser Gedanke Unbehagen. Sie treffen auf lauter unbekannte Kollegen, eventuell sogar auf den Vorstand, und können sich, weil sie ständig unter Beobachtung stehen, überhaupt nicht entspannen. Doch das ist eine sehr einseitige Sicht, denn nicht nur die Geschäftsleitung kann hier das komplette Team begutachten. Auch für die Angestellten ist das Betriebsweihnachtsfest eine ideale Plattform, um sich mal ein Bild der Mitarbeiter zu machen, interne Spielregeln zu erkennen und Informationen einzuholen.

Aus Angst vor Peinlichkeiten scheuen sich viele davor, diese Chance zu ergreifen. Doch in Fettnäpfe stolpern Teilnehmer bei Weihnachtsfeiern gewöhnlich erst nach zu vielen geistreichen Getränken: "Der wirkliche Feind solcher Feiern ist der Alkohol", konstatiert Management-Beraterin Marie-Louise Müller.

Wein und Spirituosen heben zwar die Stimmung und schaffen bei solchen Gelegenheiten die Grundlage für neue Freundschaften im Unternehmen, "aber irgendwann fällt dadurch leider immer irgendeiner aus der Rolle, und davor haben die meisten Angst". Nach dem siebten Glas Punsch meint dann der nette Vertriebs-Kollege, es sei Zeit für den Tabledance - und zwar mit der neuen Mitarbeiterin aus dem Marketing, und bitte nicht so spröde! Im schlimmsten Fall wird sogar der Chef höchstpersönlich ausfallend, will aber am nächsten Tag wieder mit vollem Respekt behandelt werden.

Wenn der Sprengstoff explodiert ...

Wieviel Sprengstoff Weihnachtsfeiern für das soziale Miteinander in der Firma bergen, zeigt sich in den darauf folgenden Tagen und Wochen. Die Stimmung im Unternehmen wird erheblich vom Ablauf des Abends bestimmt. Einerseits, weil es nach peinlichen Vorfällen schwieriger wird, sachlich miteinander zu verhandeln, andererseits, weil die Unternehmensleitung unbewusst Sprengsätze gelegt hat: Regelmäßig werden in den Festansprachen nämlich einzelne Mitarbeiter lobend herausgehoben, während viele andere nicht mal als Team Erwähnung finden. Letztere knicken aus Frust in den darauffolgenden Wochen in ihrer Leistung massiv ein. Karrierecoach Bernd Andersch warnt deshalb davor, dass die Zeiten nach den Weihnachtsfeiern zu den gefährlichsten in der Karriere zählen.

Doch das Fest muss nicht zum Desaster werden. Wer es als strategisches Karriere-Mittel nutzt - ohne konkret am Abend der Weihnachtsfeier auf eine Beförderung zu hoffen - kann durch geschicktes Verhalten viel erreichen. Zum Beispiel das eigene Image positiv beeinflussen oder wichtige Kontakte knüpfen. Doch dafür sollten Sie sich auf die Weihnachtsfeier gründlich vorbereiten:

  • Überlegen Sie sich vor der Feier sehr genau, welche Ziele Sie in dem Unternehmen haben, und welches Image Sie hinterlassen wollen.
  • Informieren Sie sich vorab - eventuell bei der Chefsekretärin - wer alles an der Feier teilnimmt, wen Sie davon noch nicht kennen, und mit wem Sie in Kontakt treten sollten.
  • Recherchieren Sie die Themengebiete der Personen, mit denen Sie Kontakt aufnehmen wollen. Schaffen Sie Gesprächs-Anlässe.
  • Achten Sie sehr genau auf Ihre Kleidung. Es ist besser, Sie als Person bleiben nach der Feier in Erinnerung, nicht Ihr Kleid oder Ihr flippiger Anzug.
  • Bleiben Sie stets in der Rolle des Angestellten. Vorsicht bei Alkohol: Setzen Sie sich ein Limit. Versuchen Sie auch gar nicht erst "locker" zu sein!
  • Nutzen Sie die Gelegenheit zum Kennenlernen und Beobachten. Nur selten haben Sie das soziale Netzwerk der Firma so deutlich vor Augen, wie bei einer Weihnachtsfeier.
  • Nehmen Sie Reden nicht persönlich. Analysieren Sie stattdessen, wer warum gelobt wird - überlegen Sie, was Sie selber eventuell noch besser machen könnten. Sollten Sie selber eine Rede halten - verzichten Sie auf die Lobhudelei.
  • Nutzen Sie die Weihnachtsfeier auf keinen Fall für konkrete Karriereschritte. Dies ist eindeutig nicht der Ort, um eine Gehaltserhöhung oder eine Beförderung anzugehen. Setzen Sie sich sensibel ins rechte Licht: Zeigen Sie Kompetenz, aber überfahren Sie Ihre Zielperson nicht mit neuen Geschäftsplänen und Strategien.

Wer sich auf die Weihnachtsfeier gut vorbereitet, kann davon nur profitieren. Doch letztendlich ist die Beherzigung oben genannter Tipps immer seltener notwendig. Denn die Betriebsfeste gehören einer aussterbenden Gattung an: Immer weniger Unternehmen geben noch Geld für das Weihnachtsfest der Mitarbeiter aus.

So sagt eine Sprecherin des Bayer-Konzerns, dass von den Kostensenkungsprogrammen mittlerweile auch die Weihnachtsfeiern in allen Betrieben und Abteilungen betroffen sind. Das Unternehmen stellt es den einzelnen Bereichen natürlich trotzdem frei, interne Feiern auf die Beine zu stellen auf eigene Kosten, versteht sich.

Bei Daimler-Chrysler werden die Feiern auch von den Abteilungen ausgerichtet. Der unternehmenseigene Veranstaltungsservice hat andere Aufgaben zu erfüllen.

Auf die Gestaltung kommt es an

Und auch die regionale Eisenbahngesellschaft AKN (Altona-Kaltenkirchen-Neumünster) lässt ihre Mitarbeiter für die - obligatorische - Weihnachtsfeier selbst zahlen. Insofern mutiert die Weihnachtsfeier zum lockeren Kollegentreff mit Weihnachtsmarkt-Bummel, einem kleinen Essen und eventuell einem Besuch im Varieté oder der Bowlingbahn.

So umstritten die betrieblichen Weihnachtsfeiern sind - werden sie gestrichen, erzeugt diese Entscheidung auch negative Gefühle. Schließlich gelten sie traditionell doch als Dankeschön an alle Mitarbeiter für die geleistete Arbeit. Weihnachtsgeld kann solch eine Geste nicht ersetzen.

Unternehmen sollten die Feiern deshalb nicht abschaffen, sondern sie so entspannt wie möglich gestalten, um den Mitarbeitern ungemütliche Momente zu ersparen. Also ohne feste Tischordnungen, ohne große Reden, sondern einfach nur mit Spaß.

Die Düsseldorfer Kaffeehaus-Kette Woyton hat solch eine Balance gefunden: Gefeiert wird im informellen Rahmen in der größten Filiale. Es gibt edle Häppchen vom Buffet und reichlich Getränke. Ein namhafter Diskjockey sorgt dafür, dass steife Gespräche gar nicht erst aufkommen. Bei so einer entspannten Atmosphäre haben Mitarbeiter dann wirklich Lust zu feiern.

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