Versteigerungen per Handy
Pioniere des M-Commerce - wie Startups Internet-Geschichte schreiben

Mit Versteigerungen per Handy will 12snap zum weltweiten Pionier des M(obile)-Commerce werden. Und es damit den Amerikanern zeigen.

Es ist der Stoff, aus dem Heldenlegenden im Zeitalter der Internet-Economy gemacht werden: Fünf smarte Unternehmensberater kündigen bei McKinsey und spinnen bei Bier und Wodka die Idee aus, die aus ihnen die weltweiten Pioniere des M-Commerce machen soll: Versteigerungen per Handy. "You know, I wouldn t see it that dramatically." Dr. Michael Birkel, mit 31 Jahren der älteste Mitgründer und Chief Executive Officer (CEO) von 12snap (sprich: one-two-snap), presst sein Handy fest ans Ohr. Was er da in astreinem Oxford-Englisch von sich gibt, klingt nach einem Businesspartner, der beim nächsten Meeting lieber nicht dabei sein sollte. Die beigen Trennwände aus Stoff können nicht verhindern, dass solche "discussions" in jedem Winkel der riesigen renovierten Fabriketage, dem Firmensitz von 12snap im Münchener Südwesten, zu hören sind. Ein wenig erschöpft nimmt sich Birkel einen milchig-weißen Schalenstuhl, passend zum übrigen Ikea-Design. "Manchmal ist es nicht einfach, größer zu werden", lächelt er entschuldigend. Wen er da gerade abgesägt hat, verrät er nicht. Dass sich mit Gigantomanie in kurzer Zeit viel erreichen lässt, hat der "aggressivste Startup Deutschlands", wie Marketing-Leiter Cyriac Roeding gerne prahlt, seit seiner Gründung im September vergangenen Jahres in lauten Aktionen und knalligen Partys immer wieder unter Beweis gestellt. Wer im virtuellen Auktionshaus seines D2- Handys steigert, kann manchmal was erleben: Bei der Versteigerung eines Dinners mit dem Playboy-"Playmate des Jahrhunderts" boten 2 100 Leute mit. Gitta Sack ging für 2 495 Mark über den virtuellen Ladentisch. Ein 33-Jähriger aus der Nähe von Stuttgart, freute sich. "Wir waren sogar in der Bild-Zeitung", erzählt 12snap-Manager Roeding stolz. Der 27-jährige Wirtschaftsingenieur, Absolvent der University of Georgia, hat "Trendies" und "SMS-Junkies" (O-Ton Roeding), die 17 bis 29 Jahre alte Zielgruppe der Snapper, fest im Griff. "Wir besetzen jetzt die Meinungsmacher und bewegen uns dann zum Massensegment." Für die nach eigenen Angaben mittlerweile 20 000 Handyauktionäre sind Heißluftballonfahrten mit diversen Stars genauso geplant wie der Zwei-Sterne-Chefkoch in der heimischen Einbauküche. Aber auch Schnäppchenjäger von Elektrogeräten und Billigflügen kommen dank der Kooperation mit Mediamarkt, Quelle und Air Marin auf ihre Kosten. 12snap sahnt immer dann ab, wenn der virtuelle Hammer fällt: "Wir verdienen unser Geld mit Produktaufschlägen und Werbekostenzuschüssen", erklärt Birkel. Wie im Einzelhandel, nur cooler: Jeder, der auf seinem D2-Handy den Kurznachrichten-Kanal 123 anwählt, kann mitsteigern. Sobald der Apparat für das sogenannte Cell Broadcast "scharf gemacht" ist, erscheint auf dem Display das Gebot der Stunde. Per Knopfdruck gibt ein Sprachcomputer dem Interessenten weitere Informationen. Eine Viertelstunde lang geht virtuell die Post ab. Wer überboten wurde, bekommt eine SMS-Anzeige. Geht eine Minute lang kein neues Gebot ein, kommt der Zuschlag. Der Sieger wird mit einem Call-Sender verbunden und macht Zahlungs- und Liefermodalitäten klar. Mobiles Shopping, sogar auf dem Klo, wie einschlägige Plakate von 12snap anstacheln. "M-Commerce ist gleich 12snap", verkündet Roeding. "Wir sind weltweit die ersten, bei denen man einkaufen kann, ohne einen Laden zu betreten oder das Internet zu nutzen." Unbekannte Größen, potenzielle Konkurrenten wie die Bertelsmann-Tochter Andsold, die im Internet steigern lässt, werden mit einem Handstreich vom selbstgezimmerten Tisch gewischt: Zu groß der Laden, zu unbeweglich. Und auch die Startups aus dem Silicon Valley sehen die sechs Gründer nicht als Vorbild. "Wir haben durch den europäischen GMS-Standard einen Vorsprung von einem guten Jahr. Wir sind keine billige Startup-Kopie, sondern das Original." So viel ostentatives Selbstvertrauen scheint zu überzeugen. Mögliche Geldgeber und Partner honorierten von Anfang an die Kombination aus brillanten Referenzen der Gründer und risikofreudiger Originalität: "12snap ist ein junges, frisches Unternehmen, das innovative, pfiffige Ideen hat", lobt D2-Sprecher Matthias Andreesen. D2 ist Exklusivpartner. "Darüber hinaus brachten die Gründer fundiertes betriebswirtschaftliches Know-how mit." Der Deal mit Mannesmann war so etwas wie das Startsignal für einen atemberaubenden Aufstieg. Von Mannesmann in Stuttgart raste die Gründer-Clique in halsbrecherischer nächtlicher Überlandfahrt zum Pariser Viventures Investment Fonds, der mit fünf Millionen Mark zum Kapitalgeber der ersten Finanzierungsrunde wurde. Nach der offiziellen Auktionspremiere im Januar 2000 ging die Finanzierung mit Nokia Ventures, Goldman Sachs und Apax Partners in die zweite Runde und brachte 13 Millionen Mark. Zur Jahresmitte 2001 ist der Börsengang geplant. "Wenn nicht früher", schätzt Roeding selbstbewusst. "Aber das wäre nur der Anfang, nicht das Ende." Auch David Dean, bei der Boston Consulting Group weltweit für High-Tech und Telekommunikation zuständig, glaubt an die Zukunft des M-Commerce. Noch vor einem halben Jahr sei das nicht so klar gewesen, aber heute zeigten die Erfahrungen aus Japan, dass es vor allem bei einer jüngeren Zielgruppe Bedarf für den Handel mit dem Handy gebe, dass das Mobiltelefon vor allem für kurze Transaktionen geschätzt werde. Das Geschäftsmodell von 12snap hält Dean für interessant. "Bei 12snap spielt der Unterhaltungsaspekt eine wichtige Rolle - das ist der richtige Weg." Niemand darf 12snap einholen. Schnelligkeit ist ihr Geschäft. "Bei uns steht Speed an der Wand." Filialen in Italien und England sind eröffnet, Frankreich folgt. Dann vielleicht Asien. Der technische GMS-Standard bestimmt die Route. 12snap startete mit einem Werbeetat in zweistelliger Millionenhöhe. "Wir wollen, dass unser Name für immer mit M-Commerce verknüpft ist", erklärt Michael Birkel. So ähnlich wie bei Yahoo. "So eine Chance hat man nur einmal im Leben."

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