Versuch der Amerikanisierung
Bäckers Bester

Heiner Kamps spielt sich inzwischen mit Boris Becker die Bälle zu. Die ungleichen Geschäftspartner hoffen beim Hamburger Turnier auf eine brauchbare Rendite - die aber ist arg ungewiss.

DÜSSELDORF. Horst Klosterkemper kann sich noch gut an den Duft erinnern, der über die Anlage des Rochusclubs in Düsseldorf wehte. Schon damals, vor 20 Jahren. "Überall roch es nach Streusel- und Butterkuchen von Kamps, der noch am Anfang seiner Karriere stand. Stefan Edberg konnte von dem Kuchen gar nicht genug kriegen", erinnert sich der Turnierdirektor des World Team Cups. Klosterkemper bedauert es, dass das Sponsoring-Engagement der Kamps AG inzwischen endete. Denn der Bäcker ist nach der Übernahme durch Barilla nicht mehr verantwortlich im Brötchen-Imperium.

Heiner Kamps hat neue Investitionsmöglichkeiten gefunden. So ist er zum Beispiel mit 51 Prozent an der Vermarktungsfirma ACE Group mit Sitz in London beteiligt, die Eventmanagement betreibt und Tenniscracks sowie südamerikanische Fußballer betreut. Um auch ein Bein in den deutschen Markt zu bekommen, kam ihm das Angebot, zusammen mit Boris Becker und dessen Geschäftspartner Hans-Dieter Cleven (Metro) das Hamburger Mastersturnier am Rothenbaum zu übernehmen, gerade recht. "Ich bin Investor. Aus dem operativen Geschäft halte ich mich raus", sagt der 48-Jährige und beschreibt seine Verbindung zum Wimbledon-Helden Becker so: "Ein Mix aus freundschaftlichem und geschäftlichem Verhältnis."

Bei aller Freundschaft aber soll die Investition Rendite abwerfen. Genau das aber erscheint zunächst einmal unwahrscheinlich. Zwar hat sich das Trio für bescheidene 1,5 Millionen Euro eingekauft, doch die Aussichten sind nicht rosig. "Im Moment ist Tennis hier zu Lande kein boomender Sport. Entscheidend für die weitere Zukunft wird sein, wie erfolgreich deutsche Spieler sind", weiß Kamps. "Leider haben wir keinen Einfluss auf deren Qualität, leider können wir uns keinen neuen Becker backen."

Wohl wahr. Auch Horst Klosterkemper, der mit der Mannschafts-WM seit Jahren so etwas wie ein Fels in der deutschen Tennisbrandung ist, kann seine leisen Zweifel nicht verhehlen. Er wünsche Chairman Becker zwar "aus vollem Herzen Erfolg". Und er sei auch überzeugt, dass der Star "den Mut hat, Strukturen aufzubrechen". Doch, so des Düsseldorfers Einschätzung: "Die Frage ist, ob es beim traditionsbewussten Hamburger Publikum hinhaut, wenn man etwas Neues ausprobiert."

Gemeint ist die Amerikanisierung des Turniers mit Night-Sessions, Musical, Pop und Glamour aller Art. Beckers bunte Handschrift eben, die auch sichtbar wird, wenn am Donnerstag eine Kooperation mit Disney präsentiert wird. Erst Mickey Mouse, anschließend Boris plus Stich gegen McEnroe & Co. beim Daviscup-Revival.

Stolz ist der Becker-Clan darauf, dass man den NRD während des Turniers (12. bis 18. Mai) für täglich vier Stunden Live-Berichterstattung gewinnen konnte. Hinzu kommt eine abendliche Zusammenfassung in der ARD. Stets mit Moderator Gerhard Delling, der statt mit Günter Netzer mit Becker plaudert. "Damit sind wir von der TV-Seite her schon in der oberen Liga", meint Geldgeber Kamps. Wie praktisch, dass in einem neu geschaffenen Rothenbaum-Kuratorium neben Verlegerin Friede Springer (in deren überregionalem Blatt "Welt" sogar Telefonnummern der Hamburger Vorverkaufsstellen abgedruckt wurden) auch der ARD-Vorsitzende Jobst Plog sitzt.

Das Fernsehen, weiß Kamps, sei an Bedeutung kaum zu überbieten: "Sponsoren interessiert nicht, wie viele Zuschauer auf dem Centre Court sitzen. Entscheidend ist, wie viele Leute im Fernsehen zuschauen." Im dritten Programm hält sich das in engen Grenzen, und wohl auch deswegen hat man sich schwer getan bei der Suche nach potenten Unterstützern. "Niemand konnte erwarten, dass wir in nur vier Monaten einen Hauptsponsor finden, der drei Millionen Euro zahlt", meint Kamps.

Der hat im Übrigen schon zweimal mit Becker den Tenniscourt umgepflügt: "Boris hat mir die Bälle so zugespielt, dass ich das Gefühl hatte, gutes Tennis zu spielen." Weil es schön war, ersteigerte der Ex-Bäcker unlängst eine weitere Trainingsstunde mit dem Ex-Leimener - für einen guten Zweck und 10 000 Euro. Im Gegenzug kommt Becker zum Charity- Day der Kamps-Stiftung "Brot gegen Not".

Kamps freut?s. Ebenso wie die Anfragen, "vor allem aus dem Ausland", die er auch in der Nach-Bäckerei-Zeit erhält. Tenor: "Einer wie ich, der mit 48 so viele Erfahrungen gesammelt hat, wäre prädestiniert, um beim Lösen der Probleme unseres Landes zu helfen." Und? "Der Prophet im eigenen Lande zählt nichts. Wenn ich Talkshows sehe, könnte ich in den Fernsehapparat treten. Da sitzen abhängige Politiker, abhängige Gewerkschafter, abhängige Verbandsvertreter. Absolute Verhinderer."

Natürlich, so Kamps, könne man fragen, mit welcher Berechtigung er da mitdiskutieren würde. Schließlich gibt er die Antwort selbst: "Ich habe wahrscheinlich schon mehr Steuergelder bezahlt als alle aktuellen deutschen Politiker zusammen." Ein Satz, der auch aus Beckers Munde stammen könnte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%